Wissensdatenbank · RPA & Process Mining

Process Mining — die Röntgenaufnahme Ihrer Geschäftsprozesse.

Process Mining ist eine datenbasierte Analysemethode, die reale Geschäftsprozesse nicht aus Workshops und Annahmen, sondern aus den digitalen Datenspuren Ihrer IT-Systeme rekonstruiert. Aus den Ereignisprotokollen von ERP, CRM und Fachanwendungen entsteht ein faktenbasiertes Bild des tatsächlich gelebten Prozesses — inklusive aller Schleifen, Nacharbeiten und Abweichungen, die kein Flussdiagramm je zeigt. Dieser herstellerneutrale Tiefenartikel erklärt das Konzept, die Methodik und die Praxis für den DACH-Mittelstand — von der Datengrundlage über KI und Werkzeuge bis zu Nutzen, Grenzen und Datenschutz.

23 Min. Lesezeit
Aktualisiert · Juli 2026
Fachartikel · Expertenbeitrag
Process Mining
Konzept & Methodik · herstellerneutral
Kategorie
Datengetriebene Prozessanalyse
Ursprung
Prozesswissenschaft / Data Science
Datengrundlage
Event-Logs aus IT-Systemen
Kernangaben
Fall-ID · Aktivität · Zeitstempel
Grundarten
Discovery · Conformance · Enhancement
Typische Quellen
ERP · CRM · Ticket- & Fachsysteme
INAGRO Relevanz für datenreiche Kernprozesse
Kapitel 01 · Grundlagen

Was ist Process Mining – und warum verändert es die Prozessarbeit?

Process Mining ist eine Analysemethode, die den tatsächlichen Verlauf von Geschäftsprozessen aus den Datenspuren rekonstruiert, die IT-Systeme im laufenden Betrieb ohnehin hinterlassen. Statt Prozesse in Workshops zu skizzieren oder Mitarbeitende zu befragen, liest Process Mining die Ereignisprotokolle aus ERP-, CRM- und Fachsystemen und zeichnet daraus nach, wie ein Prozess wirklich abläuft – vollständig, faktenbasiert und ohne die Beschönigungen, die jeder Selbstauskunft anhaften.

Der Kerngedanke ist einfach und zugleich folgenreich: Jede Handlung in einem digitalen System hinterlässt eine Spur. Wird eine Bestellung angelegt, eine Rechnung geprüft, ein Auftrag freigegeben oder eine Zahlung verbucht, schreibt das System einen Datensatz mit einem Zeitstempel. Aus tausenden dieser Spuren lässt sich der reale Prozess so rekonstruieren, wie ein Röntgenbild die innere Struktur eines Körpers sichtbar macht: Man sieht nicht die Oberfläche, sondern das, was wirklich darunter passiert. Genau darin liegt der Wert – Process Mining ersetzt Meinungen durch Belege.
Drei Eigenschaften definieren die Methode und erklären, warum sie sich in den vergangenen Jahren vom akademischen Nischenthema zum festen Baustein der Prozessoptimierung entwickelt hat:
  • Faktenbasierte Prozesswahrheit – Process Mining zeigt nicht den dokumentierten Soll-Prozess, sondern den real gelebten Ist-Prozess mit allen Schleifen, Rücksprüngen, manuellen Korrekturen und Ausnahmen. Was in keinem Handbuch steht, wird in den Daten sichtbar.
  • Vollständigkeit statt Stichprobe – während klassische Prozessaufnahmen mit Interviews und Stichproben arbeiten, wertet Process Mining sämtliche Vorgänge eines Zeitraums aus. Nicht zehn befragte Fälle, sondern alle hunderttausend – das verschiebt die Diskussion von „gefühlt“ zu „gemessen“.
  • Objektivität und Wiederholbarkeit – dieselbe Datengrundlage führt reproduzierbar zum selben Bild. Das versachlicht Diskussionen zwischen Abteilungen und schafft eine gemeinsame, belastbare Grundlage für Verbesserungsentscheidungen.
INAGRO-Einschätzung

Für Unternehmen mit datenreichen, hochvolumigen Kernprozessen – Einkauf, Vertrieb, Finanzen, Service – ist Process Mining eines der wirkungsvollsten Instrumente der Prozessoptimierung überhaupt. Es macht den Aha-Moment möglich, in dem eine Organisation zum ersten Mal sieht, wie ihre Prozesse wirklich laufen. Die ehrliche Kehrseite: Process Mining ist ein Analyse-Werkzeug, keine Automatik. Der Wert entsteht erst, wenn aus den Erkenntnissen Maßnahmen werden – und ohne brauchbare Datengrundlage bleibt selbst die beste Methode wirkungslos.

Ein wissenschaftlicher Ursprung mit Praxiskarriere

Process Mining ist keine Marketing-Erfindung, sondern hat wissenschaftliche Wurzeln. Die Methode entstand in der Prozesswissenschaft und der Datenanalyse und wurde maßgeblich in der akademischen Forschung geprägt, bevor sie den Sprung in die betriebliche Praxis schaffte. Diese Herkunft erklärt zwei Dinge: Erstens ist die Methodik theoretisch gut fundiert – es gibt etablierte Verfahren, wie man aus Ereignisdaten Prozessmodelle ableitet und wie man deren Qualität bewertet. Zweitens ist Process Mining herstellerneutral als Disziplin definiert; es gibt viele Werkzeuge, die sie umsetzen, aber die Methode selbst gehört keinem einzelnen Anbieter. Genau diese Unterscheidung zwischen Methode und Werkzeug ist für eine fundierte Auswahl entscheidend und zieht sich durch diesen Artikel.

Der Aha-Moment: Soll-Prozess gegen Ist-Prozess

In nahezu jedem Projekt wiederholt sich derselbe Moment. An der Bürowand hängt ein aufgeräumtes Flussdiagramm des Soll-Prozesses: von der Bestellung geradlinig zur Bezahlung, wenige klare Schritte. Die Process-Mining-Analyse derselben Prozessdaten zeigt dagegen ein dichtes Geflecht aus Pfaden – hunderte Varianten, unerwartete Schleifen, manuelle Korrekturen, übersprungene Schritte. Nicht weil die Mitarbeitenden schlecht arbeiten, sondern weil die Realität komplexer ist als jedes Diagramm. Genau diese Abweichung zwischen gedachtem und gelebtem Prozess ist der Hebel: Sie kostet Zeit, bindet Geld und erzeugt Compliance-Risiken. Process Mining macht sie zum ersten Mal messbar sichtbar.

Für wen sich Process Mining lohnt

Process Mining entfaltet seinen Wert dort, wo Prozesse hohes Volumen haben, überwiegend durch IT-Systeme laufen und wirtschaftlich relevant sind. Ein Einkaufsprozess mit zehntausenden Bestellungen pro Jahr ist ein idealer Kandidat; ein selten durchlaufener Sonderprozess, der kaum digitale Spuren hinterlässt, dagegen nicht. Für den DACH-Mittelstand mit gewachsenen ERP-Landschaften ist die Methode besonders anschlussfähig, weil hier die nötigen Datenspuren in großer Menge vorliegen. Wo diese Voraussetzungen fehlen – sehr kleine Fallzahlen, kaum digitalisierte Abläufe – ist der Aufwand oft nicht gerechtfertigt, und eine klassische Prozessaufnahme bleibt das passendere Mittel.
Kapitel 02 · Die drei Arten

Die drei Arten des Process Mining

Process Mining ist kein monolithisches Verfahren, sondern kennt drei aufeinander aufbauende Grundoperationen. Sie beantworten unterschiedliche Fragen: Wie läuft der Prozess wirklich? Weicht er von den Regeln ab? Und wie lässt er sich verbessern? Wer diese drei Arten auseinanderhält, versteht schnell, was ein Werkzeug leistet – und was nicht.

Process Discovery
Entdecken

Rekonstruiert den tatsächlichen Prozess allein aus den Event-Logs – ohne Vorannahmen. Das Ergebnis ist eine Prozesskarte, die jeden real vorgekommenen Pfad zeigt, mit Häufigkeiten, Durchlaufzeiten und Varianten. Der Einstieg in fast jedes Projekt.

FrageWie läuft es wirklich?
InputEvent-Log
OutputIst-Prozessmodell
NutzenTransparenz & Varianten
Conformance Checking
Prüfen

Vergleicht den real gelebten Prozess mit dem definierten Soll-Modell oder mit Compliance-Regeln und deckt jede Abweichung auf: übersprungene Genehmigungen, verletztes Vier-Augen-Prinzip, nachträgliche Änderungen. Die Grundlage für Revision und Kontrolle.

FrageHalten wir die Regeln ein?
InputLog + Soll-Modell
OutputAbweichungen
NutzenCompliance & Risiko
Enhancement
Verbessern

Reichert das entdeckte Prozessmodell mit zusätzlichen Informationen an – Durchlaufzeiten, Kosten, Ressourcen, Engpässen – und leitet daraus konkrete Verbesserungen ab. Auch Erweiterung oder Reparatur bestehender Modelle fällt hierunter.

FrageWie wird es besser?
InputModell + Kennzahlen
OutputAngereichertes Modell
NutzenOptimierung & Steuerung

Process Discovery: die Prozesswahrheit sichtbar machen

Process Discovery ist die grundlegendste und meist der erste Schritt. Aus dem Ereignisprotokoll wird ohne jede Vorannahme ein Prozessmodell abgeleitet, das zeigt, welche Aktivitäten in welcher Reihenfolge tatsächlich vorkamen. Weil reale Prozesse selten einem einzigen Pfad folgen, entstehen dabei viele Varianten – unterschiedliche Wege, auf denen ein Vorgang das Ende erreicht. Häufig folgt ein Großteil der Fälle wenigen Standardvarianten, während ein langer „Schwanz“ aus seltenen Sonderwegen die eigentliche Komplexität und die versteckten Kosten erzeugt. Discovery macht diese Verteilung sichtbar und beantwortet damit die Frage, wo überhaupt hingeschaut werden muss.

Conformance Checking: Regeln und Realität abgleichen

Wo Discovery beschreibt, prüft Conformance Checking. Es legt das entdeckte Ist-Modell über den definierten Soll-Prozess oder über explizite Regeln und misst, wie gut beide zusammenpassen. Jede Abweichung wird benannt: die Rechnung, die ohne die vorgeschriebene Freigabe bezahlt wurde; die Bestellung, die nachträglich verändert wurde; der Auftrag, der eine Kontrollstufe übersprungen hat. Für interne Revision, Compliance und das interne Kontrollsystem ist das ein objektiver, lückenloser Prüfblick statt punktueller Stichproben – und oft der erste Anwendungsfall, der Prüfabteilungen für die Methode gewinnt.

Enhancement: von der Analyse zur Verbesserung

Enhancement – teils auch als Extension oder Model Repair beschrieben – schließt den Kreis. Das entdeckte Modell wird mit zusätzlichen Datenperspektiven angereichert: Wie lange dauert jeder Schritt? Wo entstehen Wartezeiten und Engpässe? Welche Ressourcen sind beteiligt, wo häufen sich Rückläufer? Aus dieser Anreicherung entstehen konkrete Ansatzpunkte für die Optimierung und für die laufende Prozesssteuerung. Damit ist Enhancement die Brücke von der reinen Analyse zur eigentlichen Prozessverbesserung – dem Punkt, an dem Process Mining wirtschaftlichen Wert schafft.
Warum das Zusammenspiel zählt

Die drei Arten bauen aufeinander auf: Discovery zeigt, wie es läuft, Conformance zeigt, wo es von den Regeln abweicht, Enhancement zeigt, wie es besser wird. Reife Werkzeuge beherrschen alle drei. In der Praxis beginnt fast jedes Projekt mit Discovery, weil erst die sichtbar gemachte Prozesswahrheit die richtigen Fragen für Conformance und Enhancement aufwirft. Aus INAGRO-Sicht ist es ein Warnsignal, wenn ein Anbieter nur bunte Discovery-Grafiken liefert, aber weder Regelprüfung noch Verbesserungslogik – dann bleibt die Analyse folgenlos.

Ein vierter Aspekt: von Vergangenheit zu Gegenwart und Zukunft

Quer zu den drei Grundarten liegt eine zeitliche Dimension. Klassisch wertet Process Mining die Vergangenheit aus – abgeschlossene Fälle eines zurückliegenden Zeitraums. Moderne Ansätze verschieben den Fokus zunehmend in Richtung Gegenwart und Zukunft: Beim Operational Support werden laufende Fälle nahezu in Echtzeit begleitet, sodass Abweichungen früh auffallen. Und mit prädiktiven Verfahren lässt sich abschätzen, wie ein noch offener Vorgang voraussichtlich weiterläuft. Diese Verschiebung von der reinen Nachschau zur laufenden Steuerung führt direkt zum Thema künstliche Intelligenz, dem sich Kapitel 04 widmet.
Kapitel 03 · Funktionsweise & Datengrundlage

Wie Process Mining technisch funktioniert

Um Process Mining richtig einzuordnen, muss man verstehen, woraus es sein Wissen zieht. Die Methode ist keine Magie und kein klassisches Reporting – sie ist eine systematische Rekonstruktion der Prozesswirklichkeit aus Daten, die in Ihren Systemen ohnehin schon anfallen. Und ihre Qualität steht und fällt mit genau diesen Daten.

Der Rohstoff: das Event-Log und seine drei Kernangaben

Herzstück jeder Analyse ist das Ereignisprotokoll, das Event-Log. Im Kern besteht es aus einer langen Liste von Ereignissen, von denen jedes mindestens drei Angaben trägt: eine Fall-ID (englisch Case-ID), die angibt, zu welchem Vorgang das Ereignis gehört – etwa eine bestimmte Bestellung oder ein bestimmter Auftrag; eine Aktivität, die beschreibt, was geschah – etwa „Rechnung erfasst“ oder „Freigabe erteilt“; und einen Zeitstempel, der festhält, wann es geschah. Aus der Fall-ID ergibt sich, welche Ereignisse zusammengehören, aus Aktivität und Zeitstempel ihre Reihenfolge. Damit lässt sich für jeden einzelnen Vorgang der komplette Pfad rekonstruieren und über alle Vorgänge hinweg das Gesamtbild.
Ergänzend enthalten Event-Logs oft weitere Attribute: den beteiligten Bearbeiter oder die Ressource, die Organisationseinheit, Beträge, Materialien, Kunden- oder Lieferantenkennungen. Diese Zusatzangaben ermöglichen tiefere Analysen – etwa nach Region, Werk oder Warengruppe – erhöhen aber zugleich die Datenschutz-Relevanz, insbesondere wenn sie einen Personenbezug herstellen. Auf diesen Punkt geht Kapitel 09 ausführlich ein.

Die Datenquellen: ERP, CRM und Fachsysteme

Die Rohdaten stammen aus den operativen IT-Systemen, in denen die Prozesse ablaufen. Am häufigsten sind das ERP-Systeme wie die verbreiteten SAP-Landschaften, in denen Einkauf, Finanzen und Logistik zusammenlaufen. Hinzu kommen CRM-Systeme für Vertrieb und Kundenservice, Ticket- und Servicemanagement-Werkzeuge, Dokumentenmanagement, Fertigungssteuerung und zahllose Fachanwendungen. Entscheidend ist nicht die Art des Systems, sondern dass es die Prozessschritte mit Zeitstempeln protokolliert. Fast jedes moderne Geschäftssystem tut das – die Kunst liegt darin, die relevanten Daten zu identifizieren und in die Form eines sauberen Event-Logs zu bringen.

Datenaufbereitung: der unterschätzte Erfolgsfaktor

Zwischen den Rohdaten in den Quellsystemen und einer belastbaren Analyse liegt der aufwendigste Schritt: die Datenaufbereitung. In der Praxis bedeutet das, die relevanten Tabellen zu extrahieren, die drei Kernangaben zu identifizieren und zu vereinheitlichen, Aktivitäten konsistent zu benennen, Zeitstempel zu bereinigen und die einzelnen Ereignisse korrekt den Fällen zuzuordnen. Klingt technisch, ist aber der Punkt, an dem Projekte gewonnen oder verloren werden. Denn Process Mining folgt einem unbestechlichen Prinzip: Sind die Eingangsdaten unsauber, ist auch das Ergebnis unsauber – ganz gleich, wie ausgefeilt der Algorithmus ist.
Warum die Datengrundlage über alles entscheidet

Die Qualität jeder Process-Mining-Analyse hängt unmittelbar an der Qualität der Event-Logs. Sind Zeitstempel ungenau, Aktivitäten uneinheitlich benannt oder Datensätze lückenhaft, liefert auch das beste Werkzeug ein verzerrtes Bild. Aus INAGRO-Sicht ist die saubere Datenanbindung deshalb nicht der langweilige Vorlauf, sondern der eigentliche Erfolgsfaktor – und der Punkt, an dem wir in Projekten die meiste Sorgfalt investieren.

Object-Centric Process Mining: die nächste Generation

Klassisches Process Mining betrachtet einen Prozess immer aus der Perspektive einer einzigen Fall-ID – etwa „die Bestellung“. Reale Prozesse hängen aber an mehreren Objekten gleichzeitig: Eine Bestellung umfasst mehrere Positionen, hängt an einem Lieferanten, führt zu mehreren Wareneingängen und mehreren Rechnungen. Wer alles auf eine einzige Fall-ID zwingt, verzerrt das Bild oder verliert Zusammenhänge – ein Effekt, der in der Fachwelt als „Konvergenz und Divergenz“ bekannt ist. Object-Centric Process Mining (OCPM) modelliert den Prozess stattdessen über mehrere verknüpfte Objekttypen hinweg. Das ist datenmodellseitig anspruchsvoller, bildet die Realität in komplexen ERP-Welten aber deutlich präziser ab und gilt als wichtige Entwicklungsrichtung der Methode.

Was Process Mining nicht ist

Ein verbreitetes Missverständnis lohnt die Klarstellung: Process Mining ist zunächst weder eine Simulation noch eine reine KI-Prognose und schon gar kein Ersatz für die Fachkenntnis der Prozessverantwortlichen. In seiner Grundform ist es eine faktenbasierte Rekonstruktion dessen, was nachweislich passiert ist. Der Wert liegt genau darin, dass es Diskussionen versachlicht: Statt darüber zu streiten, ob ein Prozess „eigentlich rund läuft“, liegt der tatsächliche Verlauf mit Zahlen auf dem Tisch. Es ist ebenso wenig ein Reporting-Werkzeug – Kapitel 06 grenzt es sauber gegen Business Intelligence ab. Voraussetzung bleibt, dass die zugrunde liegenden Logs den Prozess vollständig genug abbilden; schlichte Lücken im Datenmodell führen sonst zu falschen Schlüssen.
Kapitel 04 · Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz im Process Mining

Process Mining und künstliche Intelligenz ergänzen sich natürlich: Die Methode liefert eine strukturierte, faktenbasierte Sicht auf Prozesse – genau den verlässlichen Kontext, den KI-Verfahren brauchen. Moderne Werkzeuge nutzen KI, um über die Beschreibung der Vergangenheit hinauszugehen: hin zur Vorhersage, zur Ursachenanalyse und zur Empfehlung konkreter Maßnahmen.

Vorhersage: von der Nachschau zur Vorausschau

Der erste große KI-Beitrag ist die prädiktive Prozessanalyse (Predictive Process Monitoring). Auf Basis der historischen Prozessverläufe lernen Modelle, wie ein noch offener Vorgang voraussichtlich weiterlaufen wird: Wird diese Bestellung wahrscheinlich zu spät bezahlt? Droht dieser Auftrag eine kritische Durchlaufzeit zu überschreiten? Statt erst im Nachhinein festzustellen, dass etwas schieflief, verschiebt die Vorhersage den Eingriff nach vorn – solange noch gegengesteuert werden kann. Das ist der Übergang vom rückblickenden Analyseinstrument zum vorausschauenden Steuerungswerkzeug.

Root-Cause-Analyse: nicht nur was, sondern warum

Discovery zeigt, dass ein Prozess an bestimmten Stellen klemmt. Die Ursachenanalyse (Root-Cause-Analyse) fragt nach dem Warum. KI-gestützte Verfahren durchsuchen die vielen Attribute eines Event-Logs nach Mustern und Korrelationen: Häufen sich Verzögerungen bei einer bestimmten Lieferantengruppe, in einem bestimmten Werk, bei bestimmten Auftragstypen? Diese Analyse ersetzt das mühsame manuelle Filtern durch systematische Mustererkennung und liefert Hypothesen, wo die eigentlichen Treiber eines Problems liegen. Wichtig bleibt: Korrelation ist keine Kausalität – die fachliche Prüfung der gefundenen Muster durch die Prozessverantwortlichen bleibt unverzichtbar.

Empfehlungen und generative Assistenz

Die dritte Ebene sind Handlungsempfehlungen. Aufbauend auf Vorhersage und Ursachenanalyse schlagen moderne Werkzeuge priorisierte Maßnahmen vor – und ordnen sie idealerweise nach ihrem erwarteten Nutzen. Hinzu kommt eine jüngere Entwicklung: generative KI und sprachbasierte Assistenten, mit denen Anwender Prozessfragen in natürlicher Sprache stellen können, statt Analysen manuell aufzubauen. „Zeig mir die häufigsten Ursachen für verspätete Zahlungen im letzten Quartal“ wird so für Fachanwender ohne Analyse-Hintergrund zugänglich. Der strukturierte Prozesskontext aus dem Mining wirkt dabei als Faktenanker, der die KI erdet und die Gefahr freier Erfindungen reduziert.
Praxis-Hinweis zur KI

KI hebt Process Mining auf eine neue Stufe – aber sie ist nur so gut wie die Daten und der Prozesskontext darunter. Aus unserer Projekterfahrung gilt: Erst die saubere Datengrundlage und ein klar verstandener Prozess, dann KI. Wer die Reihenfolge umdreht und auf KI hofft, um Datenprobleme zu übertünchen, erhält plausibel klingende, aber unzuverlässige Ergebnisse. Und jede KI-gestützte Empfehlung, die eine Person betrifft, gehört fachlich und – bei Personenbezug – datenschutzrechtlich geprüft.

Der Brückenschlag zur Automatisierung

KI im Process Mining bleibt selten bei der Erkenntnis stehen. Der logische nächste Schritt ist die Verbindung zur Automatisierung: Eine erkannte, wiederkehrende Ineffizienz kann eine Maßnahme auslösen – bis hin zu einem robotergestützten Prozessschritt (RPA) oder einem angestoßenen Workflow. Damit wird Process Mining zum analytischen Kern eines größeren Ansatzes, der Analyse, Entscheidung und Ausführung verzahnt und häufig als Hyperautomatisierung beschrieben wird. Process Mining übernimmt darin die entscheidende Rolle, die Automatisierung dorthin zu lenken, wo sie den größten Hebel hat – statt nach Bauchgefühl zu automatisieren.
Kapitel 05 · Werkzeuge & Ökosystem

Werkzeuge und Ökosystem im Überblick

Process Mining ist die Methode – die Werkzeuge sind die Umsetzung. Der Markt hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt, professionalisiert und teils konsolidiert. Dieser qualitative Marktüberblick ordnet die wichtigsten Anbietertypen ein, ohne einen einzelnen zu bewerben: Die richtige Wahl folgt dem Use Case und der vorhandenen Systemlandschaft.

Grob lassen sich die Anbieter in einige Gruppen einteilen, die sich zunehmend überlappen. Die folgende Übersicht beschreibt Typen und nennt bekannte Vertreter beispielhaft – herstellerneutral und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Anbietertyp Charakter Bekannte Vertreter (Beispiele) Typische Stärke
Spezialisierte Mining-Plattformen Fokus ganz auf Process Intelligence Celonis u. a. Analysetiefe, Wertorientierung, Aktion
ERP-/BPM-nahe Anbieter Mining verzahnt mit Modellierung/ERP SAP Signavio, ARIS Native Integration, BPM-Brücke
Plattform-Ökosysteme Mining als Teil einer Suite Microsoft u. a. Anbindung an vorhandene Landschaft
RPA-/Automatisierungs-nahe Mining als Zubringer zur Automatisierung diverse RPA-Häuser Direkter Weg zur Umsetzung
Open-Source & Forschung Frameworks und Bibliotheken akademisch geprägte Werkzeuge Flexibilität, keine Lizenzkosten

Spezialisten, Ökosysteme und die BPM-Brücke

Am einen Ende stehen spezialisierte Plattformen, die sich ganz auf Process Mining und die darauf aufbauende Prozessintelligenz konzentrieren; sie sind oft besonders tief und wertorientiert. Am anderen Ende bündeln große Plattform-Ökosysteme Process Mining als einen Baustein unter vielen und punkten mit der nahtlosen Anbindung an eine ohnehin vorhandene Systemlandschaft. Dazwischen liegen Anbieter mit BPM- oder ERP-Erbe, die die datenbasierte Analyse mit klassischer Prozessmodellierung verbinden – ein Ansatz, der besonders dort überzeugt, wo Ist-Analyse und Soll-Gestaltung eng zusammenspielen sollen. INAGRO führt zu mehreren dieser Werkzeuge eigene Tiefenartikel; die Verlinkungen in der Seitenleiste helfen beim Einstieg.

Open Source und die Rolle des Standards

Neben den kommerziellen Werkzeugen existiert eine lebendige Open-Source- und Forschungslandschaft. Sie ist flexibel und lizenzkostenfrei, verlangt aber mehr eigenes Know-how für Betrieb und Datenaufbereitung. Für den Mittelstand ist sie meist eher für erste Experimente, für datenaffine Teams oder für sehr spezifische Anforderungen interessant als für den produktiven Dauerbetrieb. Wichtig für die Zukunftssicherheit ist zudem, dass sich der Austausch von Ereignisdaten zunehmend standardisiert – etwa über etablierte Log-Formate. Solche Standards verringern die Abhängigkeit von einem einzelnen Werkzeug und erleichtern einen späteren Wechsel.

Marktbewegung: RPA, BPM und Mining wachsen zusammen

Ein Blick auf die Marktdynamik hilft bei der Einordnung. Process Mining, RPA und BPM verschmelzen zunehmend – erkennbar daran, dass Automatisierungsanbieter Mining-Fähigkeiten zukaufen und ERP-Häuser eigene Angebote bündeln. Für Anwenderunternehmen bedeutet das zweierlei: Erstens verwischen die Grenzen zwischen den Kategorien, weshalb die Frage „welches Tool“ immer häufiger zur Frage „welche Gesamtarchitektur“ wird. Zweitens steigt der Wert einer bewussten, herstellerneutralen Auswahl – gerade im DACH-Mittelstand, der über Jahre mit gewachsenen Systemlandschaften lebt.
Herstellerneutrale Einordnung

INAGRO bewertet Werkzeuge nicht nach Markenglanz, sondern nach Fit. Es gibt kein pauschal „bestes“ Process-Mining-Tool – es gibt nur das für Ihren Use Case, Ihre Systemlandschaft und Ihre Umsetzungskapazität passende. Wer bereits stark in ein ERP- oder Plattform-Ökosystem investiert hat, sollte dessen Mining-Fähigkeiten zuerst prüfen; wer maximale Analysetiefe braucht, schaut zu den Spezialisten. Diese Auswahl treffen wir mit unseren Kunden ergebnisoffen.

Kapitel 06 · Abgrenzung

Abgrenzung: Task Mining, BPM und Business Intelligence

Process Mining wird im Marktgespräch gern mit benachbarten Disziplinen verwechselt. Wer die Begriffe sauber trennt, versteht schneller, was die Methode leistet – und was nicht. Vier Nachbarn lohnen die klare Unterscheidung: Task Mining, klassisches BPM, Business Intelligence und die reine RPA.

Disziplin Datenquelle Kernfrage Abgrenzung zu Process Mining
Process Mining Event-Logs aus IT-Systemen Wie läuft der Prozess systemübergreifend wirklich? Referenzpunkt dieser Tabelle
Task Mining Aktivität am Arbeitsplatz (Desktop) Was tut die Person konkret am Bildschirm? Feiner, aber lokaler; ergänzt die ERP-Sicht
Klassisches BPM Modelle, Workshops, Annahmen Wie soll der Prozess idealerweise sein? Soll-Sicht statt datenbasierter Ist-Sicht
Business Intelligence Aggregierte Kennzahlen Wie stehen die Zahlen? Kennzahlen ohne Prozessfluss
RPA Wie führe ich Schritte automatisch aus? Ausführung statt Analyse

Task Mining: die Ergänzung auf dem Desktop

ERP-Logs zeigen, was im System passiert ist – aber nicht, was davor auf dem Bildschirm der Sachbearbeiterin geschah. Task Mining schließt diese Lücke, indem es Tätigkeiten am Arbeitsplatz erfasst: manuelle Übertragungen zwischen Systemen, wiederholtes Nachschlagen, Copy-and-paste, Medienbrüche. Damit macht es Automatisierungspotenziale sichtbar, die im reinen ERP-Log unsichtbar bleiben. Task Mining ist also kein Gegensatz, sondern eine feinkörnige Ergänzung von Process Mining – allerdings eine mit erhöhter Datenschutz-Relevanz, weil es sehr nah an der einzelnen Person misst. Betriebsrat und Datenschutz gehören hier besonders früh eingebunden (siehe Kapitel 09).

Klassisches BPM: Soll gegen Ist

Business Process Management (BPM) in seiner klassischen Ausprägung modelliert Prozesse – wie sie sein sollen. Es entstehen saubere Soll-Diagramme, Rollen und Regeln, oft in Workshops erarbeitet. Genau hier liegt der Unterschied: BPM beschreibt die Absicht, Process Mining misst die Wirklichkeit. Beide ergänzen sich hervorragend – das im Mining entdeckte Ist-Modell kann mit dem BPM-Soll-Modell abgeglichen werden (Conformance Checking), und die Erkenntnisse fließen zurück in eine Neugestaltung. Moderne Werkzeuge verbinden beide Welten deshalb zunehmend unter einem Dach.

Business Intelligence: Kennzahlen ohne Prozessfluss

Der häufigste Denkfehler ist die Gleichsetzung von Process Mining mit Business Intelligence (BI). BI und klassisches Reporting liefern aggregierte Kennzahlen – Umsatz pro Monat, offene Posten, Bestände. Sie beantworten, wie die Zahlen stehen. Process Mining zeigt dagegen den End-to-End-Prozessfluss: jeden tatsächlich vorgekommenen Pfad, jede Schleife, jede Nacharbeit, und beantwortet, wo und warum ein Prozess klemmt. Ein BI-Dashboard sagt Ihnen, dass die durchschnittliche Durchlaufzeit gestiegen ist; Process Mining zeigt Ihnen, an welchem Schritt und für welche Fallgruppe das passiert. BI ersetzt keine Prozesssicht, Process Mining ersetzt kein Reporting – sie beantworten unterschiedliche Fragen und ergänzen sich.
Die einfache Merkregel

BI zeigt Kennzahlen, BPM zeigt das Soll, Task Mining zeigt den Desktop, RPA führt aus – und Process Mining zeigt den real gelebten Prozess über Systeme hinweg. In der Praxis spielen diese Disziplinen zusammen. Aus INAGRO-Sicht ist es kein Entweder-oder: Process Mining wird am wertvollsten, wenn es als analytischer Kern in ein größeres Zusammenspiel von Analyse, Gestaltung und Automatisierung eingebettet ist.

Kapitel 07 · Einführung & Vorgehen

Wie Sie Process Mining strukturiert einführen

Eine erfolgreiche Process-Mining-Einführung folgt einem bewährten Muster – mit klarem Fokus auf Use-Case-Auswahl, saubere Datenanbindung und einen nachweisbaren Wert. Wer „einfach mal ein Tool anschafft“ und breit ausrollt, riskiert teure Dashboards ohne Wirkung. Diese fünf Schritte haben sich in unseren Projekten bewährt.

01
Use-Case-Auswahl mit Wertziel
Welcher Prozess ist hochvolumig, datenreich und wirtschaftlich relevant? Meist Purchase-to-Pay oder Order-to-Cash. Den Use Case mit konkretem Ziel (etwa Skonto-Quote heben, Durchlaufzeit senken), Verantwortlichem und Erfolgskriterien definieren – und die Datenschutz-Anforderungen von Anfang an klären.
02
Datenanbindung & Event-Log
Die Quellsysteme (ERP, CRM, Fachanwendungen) anbinden, die drei Kernangaben Fall-ID, Aktivität und Zeitstempel identifizieren und das Event-Log sauber aufsetzen. Dieser Schritt ist der aufwendigste und entscheidet über die Aussagekraft aller späteren Analysen. Felder minimieren, Personenbezug bewusst steuern.
03
Pilot & Wertnachweis
Am abgegrenzten Use Case die Prozesswahrheit sichtbar machen, Engpässe und Abweichungen quantifizieren, erste Verbesserungen ableiten und – entscheidend – ihre Wirkung messen. Ein belegter Wert an einem Prozess ist die Grundlage für jede weitere Investitionsentscheidung und für die interne Akzeptanz.
04
Rollout & Kompetenzaufbau
Schrittweise weitere Prozesse erschließen, ein kleines Kompetenzzentrum (Center of Excellence) für Methodik und Betrieb aufbauen, Fachbereiche schulen und Governance für Zugriffe und Datenhaltung etablieren. Datenschutz und Mitbestimmung über alle Erweiterungen hinweg konsistent halten.
05
Betrieb & kontinuierliche Verbesserung
Aus dem Projekt einen Regelkreis machen: messen, handeln, nachmessen. Die Datenanbindung bei Änderungen der Quellsysteme zuverlässig warten und den realisierten Nutzen fortlaufend belegen. So entsteht aus einer einmaligen Analyse eine dauerhafte Verbesserungsfähigkeit.

Warum der Pilot mit einem einzigen Prozess beginnt

Der häufigste Fehler ist der zu große erste Schritt. Wer gleich fünf Prozesse gleichzeitig analysieren will, verzettelt sich in Datenanbindung und Abstimmung, bevor der erste belastbare Wert vorliegt. Ein einzelner, wertstarker Use Case dagegen hält den Aufwand überschaubar, macht den Wertnachweis sauber führbar und liefert die Argumente für die Ausweitung. In unseren Projekten ist nicht der technische Go-live der kritische Punkt, sondern der erste Moment, in dem eine Fachabteilung sagt: „So läuft unser Prozess also wirklich.“ Ab da trägt sich die Einführung meist von selbst.

Realistische Zeit- und Aufwandsplanung

Eine seriöse Einführung ist kein Wochenprojekt. Die Use-Case-Definition und vor allem die Datenanbindung beanspruchen je nach Systemlandschaft und Datenqualität spürbare Zeit; der Pilot inklusive Wirkungsmessung weitere Wochen. Der zeitintensivste und am häufigsten unterschätzte Teil ist die Datenaufbereitung – sind die Logs uneinheitlich oder die Quellsysteme komplex, verschiebt das den ganzen Plan. Wer von Anfang an realistisch plant und mit einem Prozess beginnt, kommt schneller und sicherer zum belegten Wert als ein ambitioniertes Programm, das sich an zu vielen Prozessen gleichzeitig verhebt.
Pragmatischer Einstieg

Unsere Empfehlung für den Mittelstand: mit einem wertstarken Kernprozess starten, die Daten sauber anbinden, die Prozesswahrheit sichtbar machen, Hebel quantifizieren, erste Maßnahmen umsetzen, Wirkung nachmessen – und Datenschutz sowie Betriebsrat von Beginn an einbinden. Dieser fokussierte Pfad senkt das Risiko, sichert den Wertnachweis und schafft die Grundlage für eine fundierte Skalierungsentscheidung.

Kapitel 08 · Einsatz im Mittelstand

Einsatzszenarien im deutschen Mittelstand

Process Mining entfaltet seinen Wert nicht abstrakt, sondern an konkreten Kernprozessen. Hier die Szenarien, in denen die Methode im DACH-Mittelstand – und im Kerngebiet von INAGRO, der Prozessoptimierung – am häufigsten erfolgreich eingesetzt wird, mit qualitativen Wirkungs-Indikatoren aus der Praxis.

Purchase-to-Pay (P2P)

Vom Bedarf über Bestellung, Wareneingang und Rechnungsprüfung bis zur Zahlung. Process Mining deckt verpasste Skonti, doppelte Zahlungen, manuelle Nacharbeiten und ungeregelten Einkauf auf und macht die Hebel messbar. Einer der reifsten und wertstärksten Use Cases überhaupt.

Skonto-Quote & Working Capital
Order-to-Cash (O2C)

Vom Auftragseingang bis zum Geldeingang. Die Analyse findet Engpässe in Auftragsbearbeitung, Lieferung und Fakturierung, macht Ursachen verspäteter Zahlungseingänge sichtbar und verkürzt die Durchlaufzeit – mit direkter Wirkung auf Liquidität und Außenstandsdauer.

Durchlaufzeit & Liquidität
Service & Reklamation

Ticket- und Reklamationsprozesse laufen oft über mehrere Systeme und Abteilungen – ideales Terrain. Process Mining zeigt, wo Vorgänge liegenbleiben, mehrfach eskaliert oder zwischen Teams hin- und hergereicht werden, und legt die Treiber langer Bearbeitungszeiten offen.

Bearbeitungszeit & Qualität
Compliance & interne Kontrolle

Conformance Checking deckt systematisch Regelverstöße auf: übersprungene Genehmigungen, verletztes Vier-Augen-Prinzip, nachträgliche Bestelländerungen. Für interne Revision und das interne Kontrollsystem ein objektiver, lückenloser Prüfblick statt punktueller Stichproben.

Abweichungen lückenlos sichtbar
Automatisierungs-Priorisierung

Bevor RPA-Bots gebaut werden, zeigt Process Mining (oft mit Task Mining), welche Schritte sich wirklich lohnen: hoher manueller Aufwand, hohes Volumen, stabile Regeln. So fließt das Automatisierungsbudget dorthin, wo der Hebel am größten ist – statt in Lieblingsprojekte.

RPA-Roadmap nach Wert
Wirkungsmessung & Monitoring

Nach der Umsetzung von Maßnahmen misst Process Mining fortlaufend, ob die erwartete Wirkung eintritt. Statt einmaliger Berater-Folien entsteht ein dauerhafter Regelkreis: messen, handeln, nachmessen – die Grundlage für echte kontinuierliche Verbesserung.

Kontinuierlicher Regelkreis

Warum P2P und O2C die typischen Einstiegspunkte sind

Es ist kein Zufall, dass nahezu jedes Process-Mining-Projekt mit Purchase-to-Pay oder Order-to-Cash beginnt. Beide Prozesse sind hochvolumig, laufen sauber durch ERP-Systeme (also gut messbar) und ihre Ineffizienzen lassen sich unmittelbar in wirtschaftliche Größen übersetzen: verpasste Skonti, gebundenes Working Capital, verspätete Zahlungseingänge. Damit ist der Wertnachweis vergleichsweise einfach zu führen – die wichtigste Voraussetzung, um ein Process-Mining-Programm intern zu rechtfertigen und schrittweise auszuweiten.

Der Unterschied zwischen Erkenntnis und Ergebnis

In unserer Beratungspraxis sehen wir immer wieder denselben Bruch: Die Analyse ist beeindruckend, das Dashboard glänzt – und dann passiert nichts. Der Wert eines Use Case entsteht erst, wenn aus der Erkenntnis eine umgesetzte Maßnahme wird. Deshalb empfehlen wir, jeden Use Case von Anfang an mit einer konkreten Maßnahme, einem Verantwortlichen und einem Wertziel zu hinterlegen. „Wir analysieren mal den Einkauf“ ist kein Use Case. „Wir heben die Skonto-Quote spürbar, verantwortet vom Einkaufsleiter, gemessen monatlich“ ist einer.
INAGRO-Kerngebiet Prozessoptimierung

Process Mining ist für uns kein Selbstzweck, sondern ein Instrument der Prozessoptimierung. Der größte Mehrwert entsteht, wenn die Erkenntnisse in eine konkrete Verbesserungs-Roadmap überführt werden – mit Maßnahmen, Verantwortlichen und messbaren Zielen. Genau diese Brücke von der Analyse zur Umsetzung ist erfahrungsgemäß der Punkt, an dem Programme entweder Wert schaffen oder versanden.

Kapitel 09 · Nutzen, Grenzen & DSGVO

Nutzen, Grenzen und Datenschutz

Eine ehrliche Bilanz aus unserer Beratungspraxis. Process Mining ist für datenreiche Kernprozesse eines der wirkungsvollsten Analyseinstrumente überhaupt – aber es hat klare Voraussetzungen und Grenzen. Und weil es reale Prozessdaten auswertet, die häufig einen Personenbezug haben, gehört der Datenschutz von Anfang an mitgedacht.

Stärken
  • Faktenbasierte statt gefühlte Prozesswahrheit
  • Vollständige Auswertung statt Stichprobe
  • Versachlicht Diskussionen zwischen Abteilungen
  • Deckt versteckte Ineffizienzen und Varianten auf
  • Objektiver Compliance- und Kontrollblick
  • Priorisiert Automatisierung nach echtem Wert
  • Ermöglicht kontinuierliche Verbesserung im Regelkreis
  • Reproduzierbar und wiederholbar
Einschränkungen
  • Setzt brauchbare Event-Logs und Datenqualität voraus
  • Datenaufbereitung ist aufwendig und Know-how-intensiv
  • Wert entsteht nur bei Umsetzung der Erkenntnisse
  • Zeigt das Was, das Warum braucht Fachurteil
  • Für sehr kleine Fallzahlen wenig ergiebig
  • Personenbezug in Logs erfordert Sorgfalt
  • Kein Ersatz für BI-Reporting oder BPM-Gestaltung
  • Erfordert Betriebsstrukturen für den Dauerbetrieb

Der Nutzen entsteht erst durch Umsetzung

Die zentrale Wahrheit über Process Mining lautet: Es ist ein Analyseinstrument, kein Ergebnis. Der wirtschaftliche Nutzen entsteht nicht durch die Analyse selbst, sondern durch die Maßnahmen, die daraus folgen. Eine Organisation, die beeindruckende Prozessgrafiken erzeugt, aber nichts verändert, hat Geld ausgegeben ohne Gegenwert. Deshalb ist die wichtigste Erfolgsbedingung nicht technischer, sondern organisatorischer Natur: die Bereitschaft und Fähigkeit, aus Erkenntnissen Handlungen zu machen. Wo diese Umsetzungskraft vorhanden ist, gehört Process Mining zu den wirksamsten Instrumenten der Prozessoptimierung; wo sie fehlt, bleibt selbst die beste Analyse folgenlos.

Datenschutz: Prozessdaten haben oft Personenbezug

Der häufigste Stolperstein ist nicht die Methode, sondern die eigene Datengrundlage. Event-Logs beantworten oft die Frage „wer hat wann was getan“ – und damit sind sie potenziell eine Leistungs- und Verhaltenskontrolle der Beschäftigten. Das berührt nicht nur die DSGVO, sondern in Deutschland regelmäßig die betriebliche Mitbestimmung. Die zentralen Prinzipien: Datensparsamkeit – nur die Felder extrahieren, die der Use Case wirklich braucht; Pseudonymisierung oder Anonymisierung von Bearbeiter-Kennungen, wo der Personenbezug nicht zwingend ist; Zweckbindung – die Daten ausschließlich zur Prozessverbesserung nutzen, nicht zur Überwachung Einzelner; und Transparenz gegenüber den Beschäftigten darüber, was zu welchem Zweck ausgewertet wird.
Datenschutz-Checkliste für Process-Mining-Projekte

Diese Punkte sollten bei jedem Process-Mining-Vorhaben sauber aufgesetzt und dokumentiert werden – sie bilden das Fundament einer datenschutzkonformen Nutzung:

Datensparsamkeit
Nur die für den Use Case nötigen Felder extrahieren; auf Klarnamen wo möglich verzichten
Pseudonymisierung / Anonymisierung
Bearbeiter-Kennungen pseudonymisieren, Auswertungen wo möglich aggregieren
Zweckbindung
Daten nur zur Prozessverbesserung nutzen, nicht zur Bewertung Einzelner
Transparenz
Beschäftigte informieren, was zu welchem Zweck ausgewertet wird
Mitbestimmung / Betriebsrat
Bei bearbeiterbezogenen Auswertungen und Task Mining frühzeitig einbinden
Verarbeitung & Verträge
Verarbeitungsort und Auftragsverarbeitung (AVV/DPA) klären, Rechtsgrundlage prüfen

Datenhoheit: Verarbeitungsort und Betriebsmodell

Neben dem Umgang mit personenbezogenen Feldern stellt sich die Frage der Datenhoheit. Wo werden die Prozessdaten verarbeitet, und wer hat Zugriff? Je nach Werkzeug und Betriebsmodell – Cloud, private Umgebung oder lokaler Betrieb – lassen sich Verarbeitungsort und Kontrolle unterschiedlich weit fassen. Für besonders sensible Bereiche ist die Wahl einer EU-seitigen Verarbeitung und die vertragliche Klärung von Subprozessoren und etwaigen Drittlandbezügen ratsam. Der wirksamste Hebel bleibt jedoch organisatorisch: Je konsequenter bereits bei der Extraktion auf nicht benötigte personenbezogene Felder verzichtet wird, desto kleiner wird die Angriffsfläche – rechtlich wie sicherheitstechnisch. Datenschutz ist hier kein nachgelagerter Haken auf einer Liste, sondern ein Gestaltungsprinzip von der ersten Datenanbindung an.
Keine Rechtsberatung

Die Hinweise in diesem Kapitel sind eine praxisorientierte Orientierung aus unseren Projekten und ersetzen keine Rechtsberatung. Die konkrete datenschutzrechtliche Bewertung – insbesondere zu Rechtsgrundlage, Drittlandtransfers, Datenschutz-Folgenabschätzung und Mitbestimmung – sollte stets mit dem eigenen Datenschutzbeauftragten und gegebenenfalls fachkundiger juristischer Beratung erfolgen.

Kapitel 10 · Häufige Fragen

Häufig gestellte Fragen zu Process Mining

Diese Fragen tauchen in unseren Beratungsgesprächen am häufigsten auf – kurz und sachlich beantwortet.

Was ist Process Mining einfach erklärt?
Process Mining ist eine Analysemethode, die den tatsächlichen Ablauf von Geschäftsprozessen aus den Datenspuren rekonstruiert, die IT-Systeme im Betrieb hinterlassen. Aus den Ereignisprotokollen von ERP, CRM und anderen Systemen entsteht ein faktenbasiertes Bild des real gelebten Prozesses – mit allen Schleifen, Nacharbeiten und Abweichungen. Man kann es sich wie eine Röntgenaufnahme der Prozesse vorstellen: Es zeigt nicht die Oberfläche, sondern das, was wirklich passiert.
Was ist der Unterschied zwischen Process Mining und Business Intelligence?
BI und Reporting liefern aggregierte Kennzahlen – etwa Umsatz pro Monat oder offene Posten. Process Mining zeigt dagegen den real gelebten End-to-End-Prozessfluss: jeden tatsächlich vorgekommenen Pfad, jede Schleife, jede Nacharbeit. Es beantwortet nicht nur, wie die Zahlen stehen, sondern wo und warum ein Prozess klemmt. BI ersetzt keine Prozesssicht, und Process Mining ersetzt kein klassisches Reporting; beide ergänzen sich.
Welche Daten braucht Process Mining?
Im Kern drei Angaben je Ereignis: eine Fall-ID (welcher Vorgang), eine Aktivität (was geschah) und einen Zeitstempel (wann). Diese Angaben stammen aus den Event-Logs der operativen Systeme – ERP, CRM, Ticket- und Fachanwendungen. Ergänzende Attribute wie Bearbeiter, Beträge oder Organisationseinheit ermöglichen tiefere Analysen. Entscheidend ist die Datenqualität: Sind die Logs unsauber oder lückenhaft, ist auch das Ergebnis verzerrt.
Was sind die drei Arten des Process Mining?
Process Discovery rekonstruiert den tatsächlichen Prozess aus den Daten (wie läuft es wirklich?). Conformance Checking vergleicht diese Realität mit dem Soll-Prozess oder mit Regeln und deckt Abweichungen auf (halten wir die Regeln ein?). Enhancement reichert das Modell mit Zeit-, Kosten- und Ressourcendaten an und leitet Verbesserungen ab (wie wird es besser?). Reife Werkzeuge beherrschen alle drei; in der Praxis beginnt fast jedes Projekt mit Discovery.
Wie hängen Process Mining und künstliche Intelligenz zusammen?
Process Mining liefert eine strukturierte, faktenbasierte Sicht auf Prozesse – genau den Kontext, den KI braucht. KI erweitert die Methode um Vorhersage (wie läuft ein offener Vorgang voraussichtlich weiter?), Ursachenanalyse (warum entstehen Verzögerungen?) und Handlungsempfehlungen. Sprachbasierte Assistenten machen Analysen zudem für Fachanwender zugänglich. Wichtig bleibt die Reihenfolge: erst saubere Daten und ein verstandener Prozess, dann KI.
Ist Process Mining nur etwas für große Konzerne?
Nein. Zwar stammen viele bekannte Beispiele aus Großunternehmen, aber die Methode lohnt sich überall dort, wo Prozesse hohes Volumen haben, überwiegend durch IT-Systeme laufen und wirtschaftlich relevant sind – das trifft auf viele mittelständische Einkauf-, Vertriebs- und Serviceprozesse zu. Für sehr kleine Fallzahlen oder kaum digitalisierte Abläufe ist der Aufwand dagegen selten gerechtfertigt. Ein fokussierter Einstieg mit einem Kernprozess ist auch für den Mittelstand gut machbar.
Ist Process Mining datenschutzkonform einsetzbar?
Ja, bei sorgfältiger Gestaltung. Da Event-Logs Personenbezug enthalten können (wer hat wann was getan), sind Datensparsamkeit, Pseudonymisierung bzw. Anonymisierung, Zweckbindung, Transparenz gegenüber den Beschäftigten sowie die frühzeitige Einbindung von Datenschutzbeauftragtem und Betriebsrat wichtig. Verarbeitungsort und Auftragsverarbeitung sollten geklärt sein. Diese Hinweise sind eine Orientierung und ersetzen keine Rechtsberatung.
Welches Process-Mining-Werkzeug ist das beste?
Es gibt kein pauschal bestes Werkzeug – nur das für Ihren Use Case, Ihre Systemlandschaft und Ihre Umsetzungskapazität passende. Spezialisierte Plattformen bieten hohe Analysetiefe, ERP- und BPM-nahe Anbieter punkten mit Integration und Modellierung, Plattform-Ökosysteme mit der Anbindung an vorhandene Systeme. INAGRO berät herstellerneutral und wählt gemeinsam mit Ihnen ergebnisoffen aus.
Wie unterstützt INAGRO bei Process Mining?
Wir beraten herstellerunabhängig: von der Frage, ob und wo sich Process Mining für Ihr Unternehmen rechnet, über die Use-Case- und Wertziel-Definition, die Datenanbindung und das Datenschutz-Setup bis zum Piloten mit belegtem Wertnachweis und der anschließenden Skalierung. Die Werkzeugwahl treffen wir ergebnisoffen nach Fit. Im 30-minütigen Erstgespräch klären wir Nutzen, Voraussetzungen und Umsetzungs-Pfad – unverbindlich und kostenlos.

Process Mining strategisch einsetzen

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Von der Use-Case-Auswahl über die Datenanbindung und das Datenschutz-Setup bis zum belegten Wertnachweis – INAGRO begleitet Sie herstellerunabhängig auf jedem Schritt. Wir prüfen, ob und wo sich Process Mining für Ihr Unternehmen rechnet, wählen das passende Werkzeug ergebnisoffen aus und machen aus Erkenntnissen messbare Ergebnisse. Pragmatisch, strukturiert und datenschutzbewusst.

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