Wissensdatenbank · Programmiersprachen · Windows-Business & .NET

Visual Basic .NET – die lesbare .NET-Sprache für Windows-Business-Apps und Legacy-Modernisierung.

VB.NET ist die objektorientierte, statisch typisierte Nachfolgesprache von Visual Basic 6 auf der Plattform .NET. Für viele Mittelständler steckt VB.NET unsichtbar in bewährten Windows-Fachanwendungen, die seit Jahren zuverlässig laufen. Aus INAGRO-Sicht ordnen wir ein, was VB.NET heute leisten kann, warum Microsoft die Sprachentwicklung auf C# konzentriert und wie sich Bestandsanwendungen sicher pflegen oder schrittweise modernisieren lassen – herstellerneutral und ehrlich zu den Grenzen.

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24 Min. Lesezeit
Aktualisiert · Juli 2026
Fachartikel · Expertenbeitrag
Visual Basic .NET
Microsoft · Open-Source-Plattform .NET
Typ
Objektorientierte, statisch typisierte .NET-Sprache
Erstveröffentlichung
2002 (mit dem .NET Framework, Microsoft)
Paradigmen
Objektorientiert, imperativ, teils funktional
Laufzeit
Common Language Runtime (.NET, früher .NET Framework)
Ökosystem
.NET, Visual Studio, NuGet, MSBuild
Hauptvergleich
C#, Visual Basic 6, VBA, F#
INAGRO Eignung Windows-Business-Apps & Legacy-Modernisierung
Kapitel 01 · Überblick

Was ist Visual Basic .NET – und für wen ist es relevant?

Visual Basic .NET, meist kurz VB.NET genannt, ist eine objektorientierte, statisch typisierte Programmiersprache von Microsoft, die auf der Plattform .NET läuft. Sie wurde 2002 zusammen mit dem damaligen .NET Framework eingeführt und war als Nachfolger des enorm populären Visual Basic 6 gedacht. VB.NET verbindet die traditionell hohe Lesbarkeit und Zugänglichkeit der Visual-Basic-Familie mit der vollen Leistungsfähigkeit einer modernen, verwalteten Laufzeitumgebung – und ist damit bis heute die tragende Sprache hinter zahllosen Windows-Geschäftsanwendungen im Mittelstand.

Der entscheidende Punkt für das Verständnis von VB.NET ist die Abgrenzung zu zwei anderen Sprachen desselben Namensraums. Zum einen ist VB.NET nicht dasselbe wie das klassische Visual Basic 6: Trotz ähnlicher Syntax war der Wechsel auf .NET ein grundlegender technischer Bruch, kein einfaches Update. Zum anderen ist VB.NET nicht identisch mit VBA, der Makrosprache in Microsoft Office. VB.NET ist eine vollwertige Sprache für eigenständige Anwendungen auf der Plattform .NET, während VBA innerhalb von Office-Anwendungen lebt. Diese drei sauber auseinanderzuhalten, erspart in der Praxis viele Missverständnisse.
Drei Eigenschaften prägen VB.NET:
  • Hohe Lesbarkeit und geringe Einstiegshürde – VB.NET setzt auf ausgeschriebene Schlüsselwörter und eine bewusst wortreiche, an natürliche Sprache angelehnte Syntax. Wo andere Sprachen mit Symbolen arbeiten, schreibt VB.NET etwa Blöcke mit klar benannten Anfangs- und Endmarkierungen aus. Das macht Code auch für Einsteiger und Nicht-Vollzeit-Entwickler gut nachvollziehbar – ein Erbe der Visual-Basic-Philosophie.
  • Volle Integration in die Plattform .NET – VB.NET nutzt dieselbe Laufzeitumgebung, dieselben Klassenbibliotheken und dieselben Werkzeuge wie C#. Was auf .NET verfügbar ist – von Datenbankzugriff über Netzwerkkommunikation bis zu modernen Bibliotheken aus dem Paketverzeichnis –, steht auch VB.NET offen. Die Sprache ist damit kein isoliertes Nischenwerkzeug, sondern ein vollwertiger Bürger eines großen Ökosystems.
  • Fokus auf Windows-Geschäftsanwendungen – VB.NET wird in der Praxis vor allem für datengetriebene Windows-Anwendungen mit grafischer Oberfläche eingesetzt: Warenwirtschaft, Auftragsverwaltung, Branchenlösungen, interne Werkzeuge. In genau diesem Segment ist die Sprache über zwei Jahrzehnte tief im Mittelstand verankert.

Vom Massenphänomen VB6 zum verwalteten Nachfolger

Um VB.NET einzuordnen, lohnt der Blick auf seine Herkunft. Das klassische Visual Basic war in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren eines der meistgenutzten Entwicklungswerkzeuge überhaupt. Seine Stärke war die schnelle, visuelle Erstellung von Windows-Oberflächen per Drag-and-drop, kombiniert mit einer leicht erlernbaren Sprache. Unzählige Unternehmen bauten damit ihre ersten eigenen Anwendungen. Mit der Einführung von .NET entschied sich Microsoft, Visual Basic grundlegend zu erneuern und auf die neue, gemeinsame Laufzeitumgebung zu stellen.
Das Ergebnis war VB.NET: eine Sprache, die den vertrauten Visual-Basic-Charakter bewahrte, technisch aber auf ein völlig neues Fundament gestellt wurde. Objektorientierung, ein gemeinsames Typsystem mit anderen .NET-Sprachen und eine verwaltete Ausführung mit automatischer Speicherverwaltung kamen hinzu. Für den Mittelstand ist diese Kontinuität mit gleichzeitigem technischem Sprung bis heute relevant: Viele Anwendungen, die einst in VB6 begannen, wurden nach VB.NET überführt und bilden weiterhin das digitale Rückgrat ihrer Unternehmen.

Warum VB.NET heute vor allem eine Bestandsfrage ist

VB.NET ist eine ausgereifte, stabile und weiterhin unterstützte Sprache – aber ihre strategische Rolle hat sich verschoben. Microsoft hat klargestellt, dass die aktive Weiterentwicklung neuer Sprachfeatures auf C# konzentriert wird, während VB.NET als stabile, unterstützte Sprache erhalten bleibt, ohne bei jedem Schritt dieselben Neuerungen zu erhalten. Für Unternehmen bedeutet das: VB.NET ist keine Sprache mehr, in der man typischerweise große neue Vorhaben von Grund auf startet, aber eine, mit der bestehende, gut funktionierende Anwendungen weiterhin sicher betrieben und gepflegt werden können.
Genau diese Doppelrolle macht VB.NET für den Mittelstand zu einem wichtigen Thema: Wer heute eine VB.NET-Anwendung im Einsatz hat, braucht keine Panik, sondern eine klare, sachliche Strategie – Bestand pflegen, Risiken beobachten und den passenden Zeitpunkt für eine mögliche Modernisierung bewusst wählen. Dieser Artikel liefert die Grundlage für diese Entscheidung.
INAGRO-Einschätzung

VB.NET ist im Mittelstand vor allem als solide Basis bestehender Windows-Anwendungen relevant – dort läuft die Sprache zuverlässig und ist voll in .NET integriert. Für neue, langfristig gedachte Projekte ist heute jedoch C# die naheliegendere Wahl innerhalb desselben Ökosystems, weil Microsoft dort die Sprachentwicklung bündelt. Die Kunst besteht nicht darin, VB.NET pauschal zu verteufeln oder zu verklären, sondern Bestand nüchtern zu bewerten: Was läuft gut, was ist Risiko, und wann lohnt eine Modernisierung.

Kapitel 02 · Paradigma & Kernmerkmale

Sprachparadigma und Kernmerkmale

VB.NET ist objektorientiert, statisch typisiert und läuft auf der verwalteten Laufzeitumgebung von .NET. Wer diese grundlegenden Eigenschaften versteht, erkennt sowohl die Robustheit der Sprache als auch ihre enge Verwandtschaft mit C# – und begreift, warum beide auf .NET letztlich sehr ähnliche Programme erzeugen.

Statische Typisierung
Kernmerkmal

Typen werden zur Übersetzungszeit geprüft, nicht erst zur Laufzeit. Das fängt eine ganze Klasse von Fehlern früh ab und ist ein wichtiger Grund für die Robustheit von VB.NET in langlebigen Geschäftsanwendungen.

PrüfungÜbersetzungszeit
VorteilWeniger Laufzeitfehler
OptionOption Strict
ReifeSehr hoch
Läuft auf .NET (CLR)
Laufzeit

VB.NET-Code wird in eine gemeinsame Zwischensprache übersetzt und von der Common Language Runtime ausgeführt. Damit teilt VB.NET Laufzeit, Klassenbibliotheken und Werkzeuge mit allen anderen .NET-Sprachen.

LaufzeitCLR
ModellVerwaltet
AusführungJIT-kompiliert
ZugangVolle .NET-Basis
Objektorientiert
Paradigma

Anders als das klassische VB6 ist VB.NET vollständig objektorientiert: mit Klassen, Vererbung, Schnittstellen und Polymorphie. Das ermöglicht strukturierte, wiederverwendbare und wartbare Softwarearchitekturen.

KlassenVoll unterstützt
VererbungJa
SchnittstellenJa
StilStrukturiert
Lesbare, wortreiche Syntax
Philosophie

VB.NET setzt auf ausgeschriebene Schlüsselwörter statt Symbole. Blöcke werden mit klar benannten Endmarkierungen abgeschlossen. Das macht Code auch für Gelegenheits-Entwickler gut lesbar und ist ein Markenzeichen der Sprache.

StilWortreich
BlöckeBenannte Enden
EffektGute Lesbarkeit
ErbeVisual Basic
Automatische Speicherverwaltung
Laufzeit

Wie alle .NET-Sprachen verwaltet VB.NET Speicher automatisch über einen Garbage Collector. Entwickler müssen Speicher nicht manuell freigeben – das reduziert eine ganze Klasse schwerer Fehler und erhöht die Stabilität.

ModellGarbage Collection
VorteilWeniger Fehler
KontrolleAbstrahiert
ZielgruppeAnwendungslogik
Interoperabilität mit C#
Ökosystem

Weil VB.NET und C# dasselbe Typsystem und dieselbe Laufzeit nutzen, lassen sich Bausteine beider Sprachen im selben Projekt kombinieren. Eine in C# geschriebene Bibliothek kann VB.NET-Code direkt verwenden und umgekehrt.

BasisGemeinsames Typsystem
RichtungBeidseitig
NutzenSchrittw. Migration
ReifeSehr hoch

Statische Typisierung als Fundament der Robustheit

Das prägendste technische Merkmal von VB.NET ist die statische Typisierung: Der Typ jeder Variablen wird zur Übersetzungszeit geprüft, nicht erst wenn das Programm läuft. Dadurch meldet der Compiler eine ganze Klasse von Fehlern – etwa das Verwechseln inkompatibler Datentypen – bereits vor der Ausführung. Für langlebige Geschäftsanwendungen, in denen Zuverlässigkeit über schnelle Experimente geht, ist das ein erheblicher Vorteil gegenüber dynamisch typisierten Sprachen.
VB.NET erlaubt allerdings, die Strenge dieser Typprüfung zu konfigurieren. Über eine Einstellung, die historisch aus Rücksicht auf VB6-Gewohnheiten locker voreingestellt sein konnte, lässt sich festlegen, wie streng implizite Typumwandlungen behandelt werden. In professionellen Projekten empfehlen wir grundsätzlich die strenge Variante: Sie erzwingt explizite, bewusste Typumwandlungen und verhindert schleichende Fehler, die sonst erst spät und schwer auffindbar auftreten. Diese eine Einstellung entscheidet in der Praxis maßgeblich über die Wartbarkeit einer VB.NET-Codebasis.

Verwaltete Ausführung auf der Common Language Runtime

VB.NET-Code wird nicht direkt in Maschinencode übersetzt, sondern zunächst in eine gemeinsame Zwischensprache, die dann von der Common Language Runtime ausgeführt wird. Diese Laufzeitumgebung übernimmt zentrale Aufgaben: automatische Speicherverwaltung, Sicherheitsprüfungen und die eigentliche Übersetzung in Maschinencode zur Laufzeit. Das Ergebnis ist eine verwaltete Ausführung, die typische Fehlerquellen systemnaher Sprachen – etwa unkontrollierte Speicherzugriffe – von vornherein ausschließt.
Für den praktischen Einsatz ist entscheidend: Weil VB.NET auf derselben Laufzeit wie C# aufsetzt, ist die Ausführungsleistung beider Sprachen im Wesentlichen vergleichbar. Ein in VB.NET geschriebenes Programm ist nicht langsamer als ein funktional gleiches C#-Programm, weil beide in dieselbe Zwischensprache übersetzt und von derselben Laufzeit ausgeführt werden. Die oft gehörte Vorstellung, VB sei generell eine „langsame Sprache“, stammt aus der VB6-Ära und trifft auf VB.NET so nicht zu.
Kernmerkmale in einem Satz

VB.NET ist objektorientiert, statisch typisiert und verwaltet – eine robuste Sprache, die dieselbe Laufzeit, dieselben Bibliotheken und im Kern dieselbe Leistungsfähigkeit wie C# besitzt, dabei aber eine bewusst lesbarere, wortreichere Syntax pflegt. Technisch ist VB.NET ein vollwertiger .NET-Bürger und kein abgespeckter Ableger.

Kapitel 03 · Syntax & Sprachfeatures

Syntax und Sprachfeatures

Die Syntax von VB.NET ist bewusst wortreich und an natürliche Sprache angelehnt. Statt technischer Details beschreiben wir hier qualitativ, was das Programmieren mit VB.NET in der Praxis so zugänglich macht – und wo die stilistischen Unterschiede zu C# real, in der Sache aber oft geringer sind, als sie wirken.

Der augenfälligste Unterschied zu vielen anderen Sprachen ist der Verzicht auf geschweifte Klammern und Semikolons. Wo C# und verwandte Sprachen Codeblöcke in Klammern einschließen und Anweisungen mit Semikolon abschließen, verwendet VB.NET ausgeschriebene Schlüsselwörter und benannte Endmarkierungen. Ein Block wird nicht mit einer Klammer geschlossen, sondern etwa mit einer klar benannten Ende-Anweisung. Das Ergebnis ist Code, der sich fast wie strukturierter Text liest – ein wichtiger Grund, warum VB.NET traditionell auch für Fachanwender und Gelegenheits-Entwickler zugänglich ist.

Lesbarkeit als Gestaltungsprinzip

VB.NET stellt Verständlichkeit konsequent über Kürze. Wo andere Sprachen mit Symbolen und Abkürzungen arbeiten, bevorzugt VB.NET ausgeschriebene, sprechende Begriffe für Operatoren und Kontrollstrukturen. Das macht den Code länger, aber für Einsteiger und für Personen, die nur gelegentlich mit dem Code arbeiten, oft leichter zugänglich. In gewachsenen Mittelstands-Teams, in denen nicht jeder Beteiligte Vollzeit-Entwickler ist, ist diese Eigenschaft ein realer, oft unterschätzter Vorteil bei Wartung und Wissensweitergabe.
Die Kehrseite dieser Wortfülle ist, dass Vielschreiber sie manchmal als umständlich empfinden und dass die meisten Beispiele, Vorlagen und modernen Tutorials im .NET-Umfeld in C# verfasst sind. Wer aus der VB.NET-Welt kommt, muss diese Beispiele gedanklich übersetzen – was gut möglich ist, weil die zugrundeliegenden Konzepte identisch sind, aber einen zusätzlichen Schritt bedeutet. Dieser Umstand verstärkt in der Praxis die Tendenz, dass sich neue Entwicklung im .NET-Raum eher auf C# zubewegt.

Sprachfeatures und ihr Verhältnis zu C#

Über die Jahre hat VB.NET zahlreiche moderne Sprachfeatures erhalten, die auch aus anderen .NET-Sprachen bekannt sind: eine integrierte, ausdrucksstarke Abfragesyntax für Daten, komfortable Möglichkeiten zur Arbeit mit Objekten und Sammlungen, Unterstützung für asynchrone Programmierung sowie sprachintegrierte Mittel zur Fehlerbehandlung. Für die weit überwiegende Mehrheit typischer Geschäftsanwendungen bietet VB.NET damit alles, was benötigt wird – der Sprachumfang ist für den praktischen Alltag mehr als ausreichend.
Wichtig für die realistische Einordnung ist jedoch die Entwicklungsdynamik: Neue Sprachfeatures entstehen heute zuerst und vollständig in C#, während VB.NET auf einem stabilen, unterstützten Stand gehalten wird, ohne jede Neuerung nachzuvollziehen. Das ist für Bestandsanwendungen unkritisch, weil deren Anforderungen sich meist nicht ändern. Für ein Team, das dauerhaft an der Spitze der Sprachentwicklung arbeiten möchte, ist es aber ein Argument, bei neuen Projekten zu C# zu greifen. Der jeweils aktuelle Funktionsumfang beider Sprachen sollte in der offiziellen Dokumentation geprüft werden, da er sich mit jeder Version verändert.
Praxis-Hinweis

Die lesbare Syntax ist die große Stärke von VB.NET bei Zugänglichkeit und Wartung durch gemischte Teams. In der Praxis zahlt es sich aus, die strenge Typprüfung zu aktivieren und einen einheitlichen Stil zu pflegen. Wer zusätzlich versteht, dass sich C#-Beispiele konzeptuell nahezu eins zu eins auf VB.NET übertragen lassen, kann das riesige, überwiegend in C# dokumentierte .NET-Wissen problemlos mitnutzen.

Kapitel 04 · Ökosystem, Laufzeit & Tooling

Ökosystem, Laufzeit und Tooling

Die eigentliche Stärke von VB.NET liegt weniger in der Sprache selbst als im Ökosystem dahinter: die Plattform .NET, die Entwicklungsumgebung Visual Studio, das Paketverzeichnis NuGet und die enge Verwandtschaft mit C#. Wer dieses Umfeld kennt, versteht, warum VB.NET-Anwendungen so gut betreibbar und weiterentwickelbar sind.

.NET Framework und modernes .NET

Beim Ökosystem von VB.NET ist eine wichtige Unterscheidung zu treffen. Historisch lief VB.NET auf dem klassischen .NET Framework – der ursprünglichen, ausschließlich auf Windows ausgerichteten Plattform, die über viele Jahre die Basis der meisten Geschäftsanwendungen bildete. Parallel dazu entstand das moderne, quelloffene und plattformübergreifende .NET, das die Zukunft der Plattform darstellt und auf verschiedenen Betriebssystemen läuft. VB.NET wird auf diesem modernen .NET grundsätzlich unterstützt, wobei nicht jedes Anwendungsmodell gleichermaßen im Fokus steht.
Für Bestandsanwendungen ist diese Unterscheidung sehr praktisch relevant: Viele im Mittelstand betriebene VB.NET-Anwendungen laufen bis heute auf dem klassischen .NET Framework. Dieses ist weiterhin unterstützt, erhält aber keine grundlegend neuen Funktionen mehr, während die aktive Weiterentwicklung dem modernen .NET gilt. Wer den Zustand seiner Anwendungslandschaft einschätzen will, sollte daher zuerst klären, auf welcher .NET-Variante die eigenen VB.NET-Anwendungen laufen. Der aktuelle Unterstützungs- und Versionsstand sollte dabei in den offiziellen Quellen geprüft werden, da er sich fortlaufend verändert.

Visual Studio, MSBuild und NuGet

Das Herzstück der VB.NET-Entwicklung ist Visual Studio, Microsofts umfassende Entwicklungsumgebung. Sie bietet einen visuellen Oberflächen-Designer, mit dem sich Windows-Anwendungen weiterhin per Drag-and-drop gestalten lassen – ein direktes Erbe der ursprünglichen Visual-Basic-Idee –, dazu leistungsfähige Werkzeuge für Fehlersuche, Refactoring und Projektverwaltung. Diese ausgereifte Werkzeugunterstützung ist einer der Gründe, warum sich VB.NET-Anwendungen so komfortabel entwickeln und pflegen lassen.
Für den Aufbau und die Übersetzung von Projekten sorgt das Build-System der Plattform, für die Einbindung externer Bibliotheken das Paketverzeichnis NuGet. Über NuGet steht VB.NET dieselbe große Landschaft wiederverwendbarer Bausteine offen wie C# – von Datenbankanbindungen über Berichtswerkzeuge bis zu Bibliotheken für Schnittstellen. Dieser gemeinsame Zugang ist entscheidend: VB.NET ist beim Ökosystem nicht benachteiligt, weil es sich denselben Baukasten mit allen anderen .NET-Sprachen teilt.

Interoperabilität mit C# als strategischer Hebel

Ein für die Praxis besonders wertvolles Merkmal ist die reibungslose Interoperabilität zwischen VB.NET und C#. Weil beide Sprachen dasselbe Typsystem und dieselbe Laufzeit nutzen, lassen sich Programmbausteine über Sprachgrenzen hinweg kombinieren: Eine in C# geschriebene Bibliothek kann von VB.NET-Code aufgerufen werden und umgekehrt, ohne technische Brücken. Für Unternehmen mit VB.NET-Bestand eröffnet das einen sehr pragmatischen Weg.
Konkret erlaubt diese Interoperabilität eine schrittweise Modernisierung, statt einer riskanten Alles-oder-nichts-Umstellung. Neue Programmteile können in C# entstehen und nahtlos an den bestehenden VB.NET-Code andocken, während dieser unverändert weiterläuft. So lässt sich eine Codebasis über die Zeit sanft und kontrolliert weiterentwickeln, ohne funktionierende Teile zu gefährden. Diese Möglichkeit ist eines der stärksten Argumente dafür, VB.NET-Bestand nicht vorschnell komplett neu zu bauen, sondern evolutionär zu behandeln.
Ökosystem als Sicherheitsnetz

VB.NET profitiert vollständig vom reifen .NET-Ökosystem aus Visual Studio, Build-System und NuGet – und teilt sich Laufzeit und Bibliotheken mit C#. Für Unternehmen bedeutet das: VB.NET-Anwendungen sind gut betreibbar und keineswegs von modernen Werkzeugen abgeschnitten. Die enge Kopplung an C# ist dabei kein Konkurrenzverhältnis, sondern der pragmatische Pfad für eine schrittweise Modernisierung.

Kapitel 05 · Typische Einsatzgebiete

Wofür VB.NET eingesetzt wird

VB.NET hat einen klaren Schwerpunkt: datengetriebene Windows-Geschäftsanwendungen. Aus unseren Projekten haben sich einige Einsatzgebiete herauskristallisiert, in denen VB.NET im DACH-Mittelstand nach wie vor eine tragende Rolle spielt – überwiegend im Bestand, teilweise aber auch bei gezielter Weiterentwicklung.

Windows-Business-Apps

Klassische Desktop-Anwendungen mit grafischer Oberfläche – Auftragsverwaltung, Warenwirtschaft, Kalkulation – sind die Paradedisziplin von VB.NET. Der visuelle Oberflächen-Designer macht die Entwicklung solcher Anwendungen besonders effizient.

Bewährte Desktop-Logik
Legacy-Modernisierung

Anwendungen, die einst in Visual Basic 6 begannen und nach VB.NET überführt wurden, bilden vielerorts das digitale Rückgrat. Ihre kontrollierte Pflege und schrittweise Modernisierung ist ein zentrales Einsatzfeld.

Bestand bleibt tragfähig
Branchen- & Fachanwendungen

Speziallösungen für einzelne Branchen oder Fachabteilungen, oft über Jahre gewachsen und exakt auf die Prozesse eines Unternehmens zugeschnitten, laufen häufig auf VB.NET – ein wertvolles, oft unterschätztes Firmenwissen in Codeform.

Prozesse exakt abgebildet
Datenbank- & Office-Integration

VB.NET ist stark in der Anbindung an Datenbanken und in der Verzahnung mit dem Microsoft-Umfeld. Anwendungen, die Daten erfassen, verwalten und in Berichte oder Office-Dokumente überführen, sind ein häufiges Muster.

Daten sauber verwaltet
Interne Werkzeuge & Reporting

Kleine bis mittlere Hilfsanwendungen für den internen Gebrauch – Erfassungsmasken, Auswertungen, Berichtsgeneratoren – lassen sich mit VB.NET schnell und stabil erstellen und werden oft über viele Jahre genutzt.

Alltag effizienter
Migration & Interop mit C#

Weil VB.NET und C# im selben Projekt zusammenwirken, lassen sich Anwendungen schrittweise erweitern: neue Teile in C#, Bestand in VB.NET. Dieses koexistente Arbeiten ist ein eigenständiges, sehr praxisnahes Einsatzfeld.

Sanfte Modernisierung

Die Kerndomäne: datengetriebene Windows-Anwendungen

Wenn ein einzelnes Feld die heutige Rolle von VB.NET erklärt, dann sind es datengetriebene Windows-Geschäftsanwendungen mit grafischer Oberfläche. Genau hier war das ursprüngliche Visual Basic unschlagbar, und VB.NET hat diese Stärke in die moderne Welt getragen: Erfassungsmasken, Listen, Formulare und Auswertungen lassen sich effizient bauen, an Datenbanken anbinden und im gesamten Unternehmen ausrollen. Für viele Mittelständler ist eine solche VB.NET-Anwendung das zentrale System, mit dem täglich gearbeitet wird.
Der praktische Wert dieser Anwendungen liegt oft weniger in ihrer technischen Modernität als in ihrer Passgenauigkeit: Über Jahre wurden sie exakt an die Prozesse des Unternehmens angepasst und enthalten in ihrer Logik viel implizites Fachwissen. Genau deshalb ist der leichtfertige Austausch einer solchen Anwendung riskant – ihr eigentlicher Wert steckt in den Details, die über die Zeit hineingeflossen sind. Diesen Wert zu erkennen, ist die Voraussetzung für kluge Modernisierungsentscheidungen.

Der unterschätzte Alltagsnutzen: gewachsene Speziallösungen

Neben den zentralen Systemen entsteht der stille Nutzen von VB.NET häufig in unspektakulären, aber unverzichtbaren Speziallösungen: das Werkzeug, das eine bestimmte Kalkulation automatisiert, die Anwendung, die Daten zwischen zwei Systemen abgleicht, der Berichtsgenerator für einen speziellen behördlichen Nachweis. Solche Lösungen sind selten sichtbar, aber sie ersetzen manuelle Fleißarbeit und laufen oft klaglos über viele Jahre.
Wichtig ist bei diesen gewachsenen Speziallösungen ein bewusstes Bestandsmanagement. Weil sie unauffällig funktionieren, geraten sie leicht aus dem Blick – bis das Wissen über ihre innere Funktionsweise mit einem Personalwechsel verloren geht oder eine geänderte Umgebung sie ins Stolpern bringt. Wer seine VB.NET-Lösungen inventarisiert, dokumentiert und ihre Abhängigkeiten kennt, verwandelt ein verstecktes Risiko in einen kontrollierten, planbaren Bestandteil der IT-Landschaft.
Praxis-Hinweis

Der größte praktische Wert von VB.NET im Mittelstand liegt in bewährten Windows-Anwendungen, die über Jahre exakt an die eigenen Prozesse angepasst wurden. Dieser Wert steckt im Detail und in der Logik, nicht in der Sprachwahl. Vor jeder Modernisierungsentscheidung lohnt daher eine ehrliche Bestandsaufnahme: Was leistet die Anwendung wirklich, und wie viel Fachwissen steckt in ihr?

Kapitel 06 · Stärken, Schwächen & Abgrenzung

VB.NET im Sprachvergleich

VB.NET lässt sich am besten im Vergleich mit seinen nächsten Verwandten einordnen: der Schwester-Sprache C#, dem Vorgänger Visual Basic 6 und der funktionalen .NET-Sprache F#. Der ehrliche Vergleich zeigt, wo VB.NET überzeugt und wo eine andere Sprache die klügere Wahl ist. Diese Einordnung ist herstellerneutral und stammt aus unserer Beratungspraxis.

Aspekt VB.NET C# Visual Basic 6 F#
Lesbarkeit / Einstieg Sehr hoch Hoch Hoch Anspruchsvoll
Windows-Business-Apps Sehr stark Sehr stark Veraltet Möglich
Aktive Weiterentwicklung Stabil gehalten Im Fokus Eingestellt Aktiv
Zugang zur Plattform .NET Voll Voll Nein Voll
Typsicherheit (Standard) Statisch Statisch Begrenzt Stark
Community / Fachkräfte Rückläufig Sehr groß Sehr klein Nische
Sweet Spot Windows-Bestand & Pflege Neue .NET-Projekte Historische Alt-Systeme Funktionale, datenlastige Logik

VB.NET vs. C#: Geschwister auf derselben Plattform

VB.NET und C# sind die beiden großen Sprachen der Plattform .NET und technisch enger verwandt, als es die unterschiedliche Syntax vermuten lässt. Beide laufen auf derselben Laufzeit, nutzen dieselben Bibliotheken und erzeugen im Kern gleichwertige Programme. Der Unterschied liegt vor allem im Stil: VB.NET ist wortreicher und für manche lesbarer, C# ist kompakter und näher an der weit verbreiteten Familie von Sprachen mit geschweiften Klammern. In der reinen Leistungsfähigkeit für Geschäftsanwendungen nehmen sich beide wenig.
Der entscheidende Unterschied ist nicht technisch, sondern strategisch: Microsoft konzentriert die aktive Sprachentwicklung, die Vielfalt an Beispielen und den Großteil der Community auf C#. Für neue, langfristig gedachte Projekte spricht das klar für C#, weil dort die größere Dynamik, die bessere Verfügbarkeit von Fachkräften und die reichhaltigere Dokumentation liegen. Für bestehende VB.NET-Anwendungen dagegen besteht kein Zwang zum Wechsel – sie laufen weiter und lassen sich, dank der Interoperabilität, bei Bedarf schrittweise mit C#-Teilen ergänzen.

VB.NET vs. Visual Basic 6: der entscheidende Bruch

Der Vergleich mit dem klassischen Visual Basic 6 ist für das Verständnis besonders wichtig, weil beide oft verwechselt werden. Trotz ähnlicher Syntax sind es grundverschiedene Technologien: VB6 war eine eigenständige, nicht objektorientierte Umgebung außerhalb von .NET, deren offizielle Unterstützung längst ausgelaufen ist. VB.NET ist der objektorientierte Nachfolger auf der modernen, verwalteten Plattform .NET. Der Übergang von VB6 zu VB.NET war seinerzeit kein einfaches Update, sondern eine echte Migration mit erheblichem Aufwand.
Für den Mittelstand bleibt diese Abgrenzung praktisch relevant, weil vereinzelt noch VB6-Alt-Systeme im Einsatz sind. Diese stellen ein deutlich höheres Risiko dar als VB.NET-Anwendungen, weil die zugrundeliegende Technologie nicht mehr gepflegt wird und passende Fachkräfte sowie Werkzeuge zunehmend rar sind. Wer noch echte VB6-Software betreibt, sollte deren Ablösung ernsthaft priorisieren – wobei VB.NET oder C# auf moderner .NET-Basis typische Zielsprachen einer solchen Modernisierung sind.

VB.NET vs. F#: unterschiedliche Denkweisen

F# ist die dritte prominente Sprache im .NET-Raum und verfolgt einen anderen Ansatz: Sie ist funktional geprägt, sehr ausdrucksstark und besonders stark bei datenlastiger, mathematisch oder analytisch orientierter Logik. F# richtet sich an Teams, die den funktionalen Programmierstil schätzen und komplexe Datenverarbeitung knapp und sicher ausdrücken wollen. Für klassische, formularbasierte Windows-Geschäftsanwendungen ist F# dagegen selten die naheliegende Wahl.
Die Arbeitsteilung ist damit klar: VB.NET und C# bedienen den breiten Mittelweg der objektorientierten Geschäftsanwendung, F# ist der Spezialist für funktionale und datengetriebene Nischen. Alle drei laufen auf derselben Plattform und können bei Bedarf zusammenwirken. Für die meisten Mittelstands-Szenarien ist F# jedoch kein direkter Ersatz für VB.NET, sondern ein Werkzeug für spezielle Anforderungen, das eigenes Wissen voraussetzt.
Stärken
  • Sehr lesbare, zugängliche Syntax
  • Statisch typisiert und robust für Geschäftslogik
  • Voller Zugang zur Plattform .NET und deren Bibliotheken
  • Leistungsfähigkeit im Kern vergleichbar mit C#
  • Ausgereifte Werkzeuge mit Visual Studio
  • Effiziente Entwicklung von Windows-Oberflächen
  • Reibungslose Interoperabilität mit C#
  • Automatische Speicherverwaltung erhöht Stabilität
  • Enorme, bewährte Bestandsbasis im Mittelstand
  • Weiterhin von Microsoft unterstützt
Einschränkungen
  • Keine gleichwertige aktive Sprachentwicklung wie C#
  • Rückläufige Community und weniger Fachkräfte
  • Die meisten Beispiele und Tutorials sind in C#
  • Für neue Großprojekte selten erste Wahl
  • Nicht jedes moderne Anwendungsmodell im Fokus
  • Verwechslungsgefahr mit VB6 und VBA
  • Abhängigkeit vom Microsoft- und Windows-Umfeld
  • Strenge Typprüfung muss bewusst aktiviert werden
  • Wissen hängt oft an einzelnen Bestandsentwicklern
  • Wahrnehmung als „auslaufende“ Sprache am Arbeitsmarkt
Kapitel 07 · Status & Zukunft

Status und Zukunft von VB.NET

Kaum ein Thema sorgt bei VB.NET für mehr Verunsicherung als die Frage nach der Zukunft. Wir ordnen Microsofts Strategie sachlich ein: Was bedeutet die Konzentration auf C# konkret, ist VB.NET „tot“, und welche Konsequenzen ergeben sich daraus realistisch für Unternehmen mit Bestand?

Microsofts Strategie: Stabilität statt Stillstand

Microsoft hat seine Haltung zu VB.NET über die Jahre klar kommuniziert: Die Sprache wird als stabile, weiterhin unterstützte Sprache erhalten, aber die aktive Weiterentwicklung neuer Sprachfeatures wird auf C# konzentriert. Anders formuliert: VB.NET erhält nicht mehr bei jedem Entwicklungsschritt dieselben Neuerungen wie C#, bleibt aber eine gepflegte und lauffähige Sprache innerhalb der Plattform. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen „nicht mehr im Zentrum der Sprachentwicklung“ und „nicht mehr unterstützt“ – Letzteres trifft ausdrücklich nicht zu.
Diese Strategie ist für den Mittelstand eher beruhigend als beunruhigend. Sie bedeutet, dass bestehende VB.NET-Anwendungen weiterhin auf einer unterstützten Sprache aufsetzen und nicht über Nacht ihren Boden verlieren. Gleichzeitig sendet sie ein klares Signal für die Zukunftsplanung: Wer neue, langfristige Vorhaben startet, sollte dies innerhalb des .NET-Ökosystems bevorzugt mit C# tun, um von der vollen Dynamik der Plattform zu profitieren. Der jeweils aktuelle Stand der Microsoft-Kommunikation sollte in den offiziellen Quellen geprüft werden, da sich Formulierungen und Details fortlaufend präzisieren.

Ist VB.NET „tot“? Eine differenzierte Antwort

Die verbreitete Behauptung, VB.NET sei „tot“, ist zu pauschal und in dieser Zuspitzung irreführend. Eine Sprache, die weiterhin unterstützt wird, auf der aktuellen Plattform lauffähig ist und Millionen produktiver Anwendungen trägt, ist nicht tot – sie befindet sich in einem reifen, stabilen Zustand ohne große Neuerungen. Für eine Sprache, deren Hauptaufgabe die Pflege langlebiger Geschäftsanwendungen ist, ist genau das kein Makel, sondern eine sinnvolle Rolle.
Zutreffend ist hingegen, dass VB.NET keine Sprache mehr ist, in die man aus strategischer Sicht neu investiert. Die Dynamik, die Community, der Nachwuchs und die Beispiele liegen bei C#. Für Unternehmen bedeutet das nicht Alarm, sondern nüchterne Planung: Bestand ist sicher betreibbar, aber die langfristige Richtung im .NET-Raum weist auf C#. Wer diese Doppelbotschaft versteht, trifft weder überstürzte noch aufgeschobene Entscheidungen.

Was das für die Zukunftsplanung bedeutet

Aus der Strategie lassen sich drei praktische Leitlinien ableiten. Erstens: Bestehende, gut funktionierende VB.NET-Anwendungen können mit ruhiger Hand weiterbetrieben und gepflegt werden – ein sofortiger, erzwungener Umstieg ist nicht erforderlich. Zweitens: Neue, langfristig gedachte Entwicklungen sollten im .NET-Umfeld bevorzugt in C# entstehen, um Zukunftssicherheit und Fachkräfteverfügbarkeit zu maximieren. Drittens: Für die Weiterentwicklung von Bestand ist die Koexistenz aus VB.NET und C# im selben Projekt der pragmatische Mittelweg.
Entscheidend ist, den Übergang bewusst zu steuern statt ihn zu ignorieren. Wer heute weiß, welche seiner VB.NET-Anwendungen strategisch wichtig sind, welche auf veralteten Plattformständen laufen und wo Wissen an einzelnen Personen hängt, kann Modernisierung planvoll und in verkraftbaren Schritten angehen. Das Gegenteil – das Aussitzen, bis eine geänderte Umgebung oder ein Personalabgang zum Notfall führt – ist die eigentliche Gefahr, nicht die Sprache selbst.
Realistische Erwartung

VB.NET ist nicht tot, aber auch nicht die Zukunft neuer Projekte. Bestehende Anwendungen sind sicher betreibbar und unterstützt; die strategische Richtung im .NET-Raum weist jedoch klar auf C#. Die richtige Haltung ist weder Panik noch Ignorieren, sondern eine bewusste Bestands- und Modernisierungsplanung mit ruhiger Hand.

Kapitel 08 · Einsatz im Mittelstand

VB.NET im deutschen Mittelstand

Im Mittelstand ist VB.NET selten eine Frage neuer Projekte und fast immer eine Frage des Bestands. Entscheidend ist, wie Unternehmen mit vorhandenen VB.NET-Anwendungen umgehen: bewerten, pflegen, absichern und – wenn sinnvoll – schrittweise modernisieren, damit aus einem verlässlichen Werkzeug keine tickende Altlast wird.

Bestandsanwendungen realistisch bewerten

Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Viele Mittelständler wissen gar nicht genau, wie viele VB.NET-Anwendungen sie betreiben, auf welchem Plattformstand diese laufen und wie geschäftskritisch sie tatsächlich sind. Eine strukturierte Inventarisierung schafft hier Klarheit: Welche Anwendungen gibt es, wer nutzt sie, worauf bauen sie technisch auf, und was würde ihr Ausfall bedeuten? Erst auf dieser Grundlage lassen sich sinnvolle Entscheidungen treffen.
Wichtig ist dabei, den tatsächlichen Wert einer Anwendung nicht mit ihrer technischen Modernität zu verwechseln. Eine unscheinbare VB.NET-Anwendung kann über Jahre exakt an die Prozesse des Unternehmens angepasst worden sein und viel implizites Fachwissen enthalten. Ihr vorschneller Austausch durch eine glänzende neue Lösung birgt das reale Risiko, dass genau diese über Jahre gewachsenen Feinheiten verloren gehen. Eine gute Bewertung würdigt sowohl die technischen Risiken als auch den fachlichen Wert.

Pflege, Wissenssicherung und Fachkräfte

Die größte praktische Herausforderung bei VB.NET-Bestand ist häufig nicht die Technik, sondern das Wissen um sie. In vielen Unternehmen hängt das Verständnis einer geschäftskritischen VB.NET-Anwendung an einzelnen, oft langgedienten Personen. Scheiden diese aus, droht ein gefährliches Vakuum: Die Anwendung läuft zwar, aber niemand kann sie mehr sicher verändern. Diese Personenabhängigkeit ist ein Risiko, das aktiv gemanagt werden muss.
Hinzu kommt die veränderte Lage am Arbeitsmarkt: Neue Entwickler werden heute überwiegend in C# und modernen Technologien ausgebildet, während reine VB.NET-Kompetenz seltener wird. Die gute Nachricht ist, dass die enge Verwandtschaft der Sprachen den Wissenstransfer erleichtert – wer C# beherrscht, kann sich VB.NET-Bestand mit überschaubarem Aufwand erschließen. Für Unternehmen heißt das konkret: Dokumentation, saubere Versionierung des Quellcodes und die frühzeitige Einbindung mehrerer Personen sind die beste Versicherung gegen teure Wissensverluste.

Der typische Modernisierungspfad

In der Praxis sehen wir einen wiederkehrenden, sinnvollen Umgang mit VB.NET-Bestand. Am Anfang steht die Sicherung: Quellcode zentral versionieren, Abhängigkeiten und Plattformstand klären, Wissen dokumentieren. Darauf folgt die Stabilisierung – etwa die strenge Typprüfung aktivieren, offensichtliche Schwachstellen beheben und einen veralteten Plattformstand ablösen, wo dies möglich ist. Erst danach stellt sich die Frage der eigentlichen Modernisierung.
Bei der Modernisierung ist die reibungslose Interoperabilität mit C# der entscheidende Hebel. Statt einer riskanten Komplettneuentwicklung lassen sich neue Funktionen und ausgetauschte Bausteine in C# umsetzen, die nahtlos an den bestehenden VB.NET-Code andocken. So kann eine Anwendung über die Zeit evolutionär modernisiert werden, während sie durchgehend produktiv bleibt. Ob und wann ein vollständiger Umstieg lohnt, ist eine wirtschaftliche Abwägung – sie hängt von Lebensdauer, strategischer Bedeutung und Änderungsbedarf der jeweiligen Anwendung ab, nicht von einem pauschalen technischen Zwang.
Praxis-Hinweis

Im Mittelstand entscheidet beim Thema VB.NET nicht die Sprache, sondern das Bestandsmanagement. Inventarisieren Sie Ihre VB.NET-Anwendungen, sichern Sie das Wissen über sie, aktivieren Sie strenge Qualitätsstandards und modernisieren Sie – dank der C#-Interoperabilität – schrittweise statt in einem riskanten Big Bang. So bleibt der Bestand ein Wert und wird nicht zum Risiko.

Kapitel 09 · Reife, Ökosystem & Lizenz

Reife, Ökosystem und Lizenz

VB.NET gehört zu den ausgereiftesten und am gründlichsten erprobten Sprachen des .NET-Raums. Dieser Abschnitt ordnet Lernaufwand, Ökosystem-Reife sowie die Themen Sicherheit und Lizenzierung ein – sachlich und mit dem Hinweis, dass lizenzrechtliche Fragen keine Rechtsberatung ersetzen.

Lernaufwand und Ökosystem-Reife

Der Lernaufwand für VB.NET ist im Sprachvergleich niedrig – das ist ein Erbe der Visual-Basic-Philosophie. Die lesbare, wortreiche Syntax senkt die Einstiegshürde, und Einsteiger werden vergleichsweise schnell produktiv. Wer bereits objektorientiert programmieren kann, findet sich in VB.NET rasch zurecht; wer aus C# kommt, muss im Wesentlichen nur die andere Schreibweise verinnerlichen, da die zugrundeliegenden Konzepte identisch sind. Ein wichtiger Praxishinweis bleibt allerdings: Das meiste aktuelle Lernmaterial für die Plattform liegt in C# vor.
In puncto Reife ist VB.NET über mehr als zwei Jahrzehnte gewachsen, außerordentlich stabil und tief in ein professionelles Ökosystem eingebettet. Es sitzt auf derselben erprobten Laufzeit, denselben Bibliotheken und denselben ausgereiften Werkzeugen wie C#. Diese Reife ist für den Mittelstand ein starkes Argument: VB.NET-Anwendungen stehen technisch auf einem stabilen, langfristig verlässlichen Fundament. Die Einschränkung betrifft nicht die Reife, sondern die Dynamik – neue Impulse kommen aus dem C#-Teil des Ökosystems.

Sicherheit: Plattform, Bestand und Abhängigkeiten

Beim Thema Sicherheit ist zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden. Die Sprache VB.NET selbst und die verwaltete Laufzeit gelten als ausgereift und robust; die automatische Speicherverwaltung schließt bereits eine ganze Klasse klassischer Sicherheitslücken systemnaher Sprachen aus. Sicherheitsrelevant sind in der Praxis eher zwei andere Punkte: der Plattformstand und die eingebundenen Abhängigkeiten.
Der Plattformstand ist entscheidend, weil VB.NET-Anwendungen auf einer bestimmten .NET-Variante mit einem bestimmten Unterstützungszeitraum laufen. Eine Anwendung auf einem veralteten, nicht mehr mit Sicherheitsaktualisierungen versorgten Stand ist ein reales Risiko – unabhängig von der Qualität ihres eigenen Codes. Hinzu kommt das Management der über NuGet eingebundenen Bibliotheken: Wie bei jeder modernen Sprache muss diese Lieferkette gepflegt werden, indem Abhängigkeiten bewusst ausgewählt, Versionen kontrolliert und bekannte Schwachstellen regelmäßig geprüft und geschlossen werden. Der aktuelle Stand zu unterstützten Plattformversionen und bekannten Schwachstellen sollte laufend in den offiziellen Quellen geprüft werden.

Lizenz und Trägerschaft

VB.NET als Sprache und die zugrundeliegende moderne Plattform .NET sind quelloffen und werden unter einer freizügigen Open-Source-Lizenz bereitgestellt. Die Nutzung ist auch im kommerziellen Umfeld möglich, und die Plattform selbst verursacht in aller Regel keine Lizenzkosten für die Sprache oder die Laufzeit. Für Unternehmen ist das ein wirtschaftlicher Vorteil und ein wichtiger Baustein für die langfristige Planbarkeit. Zu beachten ist, dass professionelle Werkzeuge und bestimmte Editionen der Entwicklungsumgebung eigenen, teils kostenpflichtigen Lizenzbedingungen unterliegen können.
Wichtig ist zudem der Blick auf die über NuGet eingebundenen Bibliotheken: Diese unterliegen jeweils eigenen Lizenzen, die von sehr freizügig bis zu solchen mit spürbaren Pflichten reichen können. Für den kommerziellen Einsatz sollte bekannt sein, welche Lizenzen die genutzten Pakete tragen und welche Verpflichtungen daraus folgen. Dies ist eine fachliche Einordnung aus Projektsicht und keine Rechtsberatung; die konkrete lizenzrechtliche Bewertung – insbesondere bei der Weitergabe von Software oder bei restriktiveren Lizenzen – gehört in die Hände fachkundiger rechtlicher Begleitung.
Reife, Sicherheit & Lizenz im Überblick

VB.NET ist als Sprache ausgereift und sitzt auf einer quelloffenen, freizügig lizenzierten Plattform. Die wesentlichen Governance-Themen liegen im aktuellen Plattformstand, im verantwortungsvollen Umgang mit Abhängigkeiten und im Lizenzbewusstsein für eingebundene Bibliotheken. Folgende Punkte sind besonders relevant:

Lizenz
Quelloffene, freizügige Lizenz der Plattform .NET, kommerziell nutzbar
Trägerschaft
Microsoft und die offene .NET-Community
Plattformstand
Auf unterstützte .NET-Version achten, veraltete Stände ablösen
Abhängigkeiten
NuGet-Pakete bewusst wählen, Versionen festschreiben, prüfen
Schwachstellen
Regelmäßig auf bekannte Lücken scannen, Aktualisierungen einspielen
Bibliothekslizenzen
Lizenzen der genutzten Pakete kennen – keine Rechtsberatung
Keine Rechtsberatung

Die Hinweise zu Lizenz- und Sicherheitsfragen in diesem Kapitel sind eine allgemeine fachliche Einordnung aus IT- und Projektsicht und keine Rechtsberatung. Die konkrete Bewertung von Plattform- und Bibliothekslizenzen sowie rechtlicher Pflichten – insbesondere bei der Weitergabe eigener Software – sollte mit fachkundiger rechtlicher Begleitung erfolgen. Die Verantwortung für den rechtskonformen Einsatz bleibt beim einsetzenden Unternehmen.

Kapitel 10 · Häufige Fragen

Häufig gestellte Fragen zu VB.NET

Diese Fragen tauchen in unseren Beratungsgesprächen am häufigsten auf – kurz und sachlich beantwortet.

Was ist VB.NET?
VB.NET, kurz für Visual Basic .NET, ist eine objektorientierte, statisch typisierte Programmiersprache von Microsoft, die auf der Plattform .NET läuft. Sie wurde 2002 als Nachfolger von Visual Basic 6 eingeführt und verbindet die hohe Lesbarkeit der Visual-Basic-Familie mit der vollen Leistungsfähigkeit der verwalteten Laufzeitumgebung. VB.NET teilt Laufzeit, Bibliotheken und Werkzeuge mit C# und wird vor allem für Windows-Geschäftsanwendungen eingesetzt.
Ist VB.NET dasselbe wie Visual Basic 6?
Nein. Trotz ähnlicher Syntax sind es grundverschiedene Technologien. Visual Basic 6 war eine eigenständige, nicht objektorientierte Umgebung außerhalb von .NET, deren offizielle Unterstützung ausgelaufen ist. VB.NET ist der objektorientierte Nachfolger auf der modernen, verwalteten Plattform .NET. Der Übergang von VB6 zu VB.NET war seinerzeit eine echte Migration mit erheblichem Aufwand, kein einfaches Update.
Ist VB.NET dasselbe wie VBA?
Nein. VBA ist die Makrosprache innerhalb von Microsoft-Office-Anwendungen und lebt innerhalb dieser Programme. VB.NET ist eine vollwertige Sprache für eigenständige Anwendungen auf der Plattform .NET. Beide teilen historische Wurzeln in Visual Basic und eine ähnliche Syntax, sind aber unterschiedliche Technologien mit unterschiedlichen Einsatzzwecken.
Ist VB.NET tot?
Nein, aber die Aussage ist differenziert zu betrachten. VB.NET wird von Microsoft weiterhin unterstützt und ist auf der aktuellen Plattform lauffähig – es trägt Millionen produktiver Anwendungen. Microsoft konzentriert allerdings die aktive Weiterentwicklung neuer Sprachfeatures auf C# und hält VB.NET auf einem stabilen Stand. Die Sprache ist also nicht tot, aber sie ist keine, in die man für neue, langfristige Projekte typischerweise neu investiert.
VB.NET oder C# – was passt besser?
Beide laufen auf derselben Plattform und sind im Kern gleichwertig leistungsfähig. Für bestehende VB.NET-Anwendungen besteht kein Zwang zum Wechsel; sie lassen sich weiterbetreiben und dank Interoperabilität schrittweise mit C# ergänzen. Für neue, langfristig gedachte Projekte ist C# die naheliegendere Wahl, weil dort die aktive Sprachentwicklung, die größere Community, mehr Fachkräfte und die meisten Beispiele liegen.
Können VB.NET und C# im selben Projekt zusammenarbeiten?
Ja, und das ist einer der wichtigsten praktischen Vorteile. Weil beide Sprachen dasselbe Typsystem und dieselbe Laufzeit nutzen, lassen sich Bausteine über Sprachgrenzen hinweg kombinieren: Eine in C# geschriebene Bibliothek kann VB.NET-Code verwenden und umgekehrt. Das ermöglicht eine schrittweise Modernisierung, bei der neue Teile in C# entstehen, während der bestehende VB.NET-Code unverändert weiterläuft.
Sollten wir unsere VB.NET-Anwendung auf C# umstellen?
Das ist eine wirtschaftliche Abwägung, keine pauschale technische Notwendigkeit. Läuft die Anwendung gut, ist nicht auf einem veralteten Plattformstand und ändert sich selten, spricht wenig für eine teure Umstellung. Ist sie strategisch wichtig, muss häufig erweitert werden oder hängt das Wissen an einzelnen Personen, lohnt eine schrittweise Modernisierung – dank der Interoperabilität mit C# meist evolutionär statt als riskante Komplettneuentwicklung.
Ist VB.NET langsamer als C#?
Nein, nicht grundsätzlich. Beide Sprachen werden in dieselbe Zwischensprache übersetzt und von derselben Laufzeit ausgeführt, sodass ein funktional gleiches Programm in beiden Sprachen im Wesentlichen gleich schnell läuft. Die verbreitete Vorstellung, Visual Basic sei generell langsam, stammt aus der VB6-Ära und trifft auf VB.NET so nicht zu.
Was kostet VB.NET?
VB.NET als Sprache und die zugrundeliegende moderne Plattform .NET sind quelloffen und freizügig lizenziert, sodass für Sprache und Laufzeit in der Regel keine Lizenzkosten anfallen. Zu beachten ist, dass professionelle Editionen der Entwicklungsumgebung sowie einzelne eingebundene Bibliotheken eigenen, teils kostenpflichtigen Lizenzbedingungen unterliegen können. Dies ist eine fachliche Einordnung und keine Rechtsberatung.
Finden wir noch Entwickler für VB.NET?
Reine VB.NET-Kompetenz wird am Arbeitsmarkt seltener, weil neue Entwickler überwiegend in C# und modernen Technologien ausgebildet werden. Die enge Verwandtschaft der Sprachen entschärft dieses Problem jedoch: Wer C# beherrscht, kann sich VB.NET-Bestand mit überschaubarem Aufwand erschließen. Entscheidend ist, das Wissen über kritische Anwendungen zu dokumentieren, den Quellcode sauber zu versionieren und nicht von einzelnen Personen abhängig zu bleiben.

VB.NET-Bestand strategisch einordnen

Brauchen Sie eine ehrliche VB.NET-Strategie?

Wir prüfen herstellerunabhängig, wie Sie mit Ihren VB.NET-Anwendungen umgehen sollten: Bestandsaufnahme und Risikobewertung, Plattformstand und Sicherheit, Wartbarkeit und Wissenssicherung sowie ein realistischer Modernisierungs-Pfad über die Interoperabilität mit C# – pragmatisch auf den Mittelstand zugeschnitten und mit ehrlichem Blick auf C#, Visual Basic 6 und F# als Bezugspunkte.

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