Wissensdatenbank · Programmiersprachen · Mainframe & Legacy

Natural – die 4GL der Software AG für Adabas und Mainframe.

Natural ist eine Programmiersprache der vierten Generation, die von der Software AG in Darmstadt entwickelt und über Jahrzehnte eng mit der Datenbank Adabas verzahnt wurde. In Verwaltung, Banken und Versicherungen im DACH-Raum steuert Natural bis heute geschäftskritische Kernsysteme – bewährt und stabil, zugleich aber mit spürbarer Anbieterbindung und wachsendem Fachkräftethema. Aus INAGRO-Sicht: was Natural ausmacht, wo es seine Stärken behält und wann Modernisierung oder Abgrenzung zu COBOL und ABAP sinnvoll wird.

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24 Min. Lesezeit
Aktualisiert · Juli 2026
Fachartikel · Expertenbeitrag
Natural
Software AG · proprietär, kommerziell lizenziert
Typ
4GL, eng an die Datenbank Adabas gekoppelt
Erstveröffentlichung
1970er Jahre (Software AG, Darmstadt)
Paradigmen
Strukturiert, prozedural, dialog-/maskenorientiert
Plattformen
Mainframe (z. B. z/OS, BS2000), Unix/Linux, Windows
Umfeld
Adabas, Predict, NaturalONE
Hauptvergleich
COBOL, PL/I, ABAP, RPG
INAGRO Eignung Bestandspflege, Verwaltung & Kernsysteme
Kapitel 01 · Überblick

Was ist Natural – und woher kommt es?

Natural ist eine proprietäre Programmiersprache der vierten Generation (4GL) der Software AG mit Sitz in Darmstadt. Sie entstand in den 1970er Jahren als Werkzeug, um Anwendungen auf Basis der ebenfalls von der Software AG entwickelten Datenbank Adabas schneller und mit weniger Code zu erstellen, als es die damals verbreiteten Sprachen der dritten Generation erlaubten. Über Jahrzehnte hat sich Natural zu einer tragenden Säule vieler geschäftskritischer Systeme entwickelt – besonders in Behörden, Banken und Versicherungen im deutschsprachigen Raum.

Der entscheidende Unterschied zu klassischen Sprachen wie COBOL oder PL/I liegt in der engen Verzahnung von Sprache und Datenbank. Natural wurde nicht als universeller Allrounder entworfen, sondern als produktive Umgebung, in der Datenbankzugriffe auf Adabas mit wenigen, gut lesbaren Anweisungen möglich sind. Diese Spezialisierung ist die Wurzel sowohl der Stärken als auch der Grenzen von Natural: Wo Adabas und Natural zusammenarbeiten, entsteht bemerkenswert kompakter Code – zugleich bindet dieses Modell die Anwendung eng an ein bestimmtes Produktökosystem.
Drei Eigenschaften prägen Natural:
  • Höhere Abstraktionsebene als 3GL – als Sprache der vierten Generation nimmt Natural dem Entwickler viele technische Details ab, die in COBOL oder PL/I ausformuliert werden müssten. Datenbankzugriffe, Bildschirmmasken und Ablaufsteuerung lassen sich vergleichsweise knapp beschreiben, was die Produktivität in ihrem angestammten Umfeld über Jahrzehnte hoch gehalten hat.
  • Enge Kopplung an Adabas – Natural und die Datenbank Adabas bilden ein aufeinander abgestimmtes Gespann. Der direkte, effiziente Zugriff auf Adabas-Datenstrukturen ist ein zentrales Merkmal und erklärt, warum beide Produkte in der Praxis fast immer gemeinsam anzutreffen sind.
  • Fokus auf transaktionsorientierte Kernsysteme – Natural ist auf zuverlässige, dialog- und stapelverarbeitungsorientierte Anwendungen ausgelegt, wie sie in Verwaltung und Finanzwesen typisch sind. Massendatenverarbeitung, Dialogmasken und lange Laufzeitstabilität standen bei seiner Entwicklung im Vordergrund.

Vom Produktivitätswerkzeug zur tragenden Altlast

Als Natural entstand, war es ein Fortschritt: Anwendungen ließen sich schneller entwickeln als mit den damaligen Standardsprachen, und die Nähe zur Datenbank machte datenintensive Programme kompakt. Viele Organisationen bauten auf dieser Grundlage über Jahrzehnte umfangreiche Anwendungslandschaften auf, die bis heute im produktiven Betrieb sind. In diesem Sinn ist Natural ein Musterbeispiel für erfolgreiche, langlebige Unternehmenssoftware.
Gerade diese Langlebigkeit führt jedoch dazu, dass Natural-Systeme heute oft als Legacy wahrgenommen werden – nicht, weil sie schlecht funktionieren, sondern weil das technische und personelle Umfeld sich verändert hat. Wer heute in eine bestehende Natural-Landschaft investiert, muss zwei Perspektiven zusammenbringen: den Respekt vor einem bewährten, laufenden System und die nüchterne Bewertung seiner strategischen Zukunftsfähigkeit. Genau diese doppelte Sichtweise ist das Ziel dieses Artikels.

Spezialsprache statt Generalist

Anders als moderne Allzwecksprachen, die für sehr unterschiedliche Aufgaben taugen, ist Natural ein Spezialist für ein bestimmtes Umfeld: datenintensive, transaktionsorientierte Anwendungen auf Basis von Adabas, historisch vor allem auf dem Mainframe. Innerhalb dieses Rahmens ist Natural sehr produktiv; außerhalb spielt es kaum eine Rolle. Diese klare Domänenbindung ist wichtig zu verstehen, weil sie erklärt, warum Natural in der breiten Softwareentwicklung heute selten vorkommt, in seinen Kerndomänen aber weiterhin präsent ist.
Wer Natural als altmodische Nischensprache abtut, unterschätzt den realen Wert der damit betriebenen Kernsysteme – und wer es umgekehrt als dauerhaft zukunftssichere Basis für Neuentwicklungen betrachtet, blendet die strategische Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter und das enger werdende Fachkräfteangebot aus. Beide Extreme führen in der Praxis zu Fehlentscheidungen.
INAGRO-Einschätzung

Für bestehende, geschäftskritische Anwendungen auf Adabas ist Natural im DACH-Raum weiterhin eine tragende und bewährte Technologie – ein sofortiger Ausstieg ist selten sinnvoll oder nötig. Für Neuentwicklungen ist Natural dagegen fast nie die naheliegende Wahl, weil die Anbieterbindung, das Fachkräftethema und der Mangel an Integration in moderne Ökosysteme schwer wiegen. Die eigentliche Aufgabe im Mittelstand ist meist nicht behalten oder abschaffen, sondern der bewusst gesteuerte Umgang mit einem laufenden System zwischen Weiterbetrieb und Modernisierung.

Kapitel 02 · Paradigma & Kernmerkmale

Sprachparadigma und Kernmerkmale

Natural ist eine strukturierte, prozedurale 4GL mit ausgeprägter Datenbank- und Dialogorientierung. Wer diese grundlegenden Eigenschaften versteht, durchschaut sowohl die hohe Produktivität im angestammten Umfeld als auch die typischen Grenzen bei moderner Architektur und Integration.

Sprache der vierten Generation
Kernmerkmal

Als 4GL beschreibt Natural stärker, was geschehen soll, statt jeden technischen Schritt auszuformulieren. Datenbankzugriffe und Maskensteuerung werden kompakt ausgedrückt – das erhöht die Produktivität im Kernbereich deutlich.

VorteilHohe Produktivität
FokusDatenzugriff
GrenzeDomänenbindung
ReifeSehr hoch
Enge Adabas-Kopplung
Architektur

Natural greift direkt und effizient auf Adabas-Datenstrukturen zu. Diese Nähe ist die Quelle der Kompaktheit – bindet die Anwendung aber zugleich an ein bestimmtes Datenbankprodukt eines einzelnen Anbieters.

VorteilEffizienter Zugriff
RisikoAnbieterbindung
DatenbankAdabas
KopplungSehr eng
Strukturiert & prozedural
Paradigma

Natural folgt dem strukturierten, prozeduralen Programmiermodell mit klar gegliederten Programmen, Unterprogrammen und Ablaufsteuerung. Das macht Code in seinem Umfeld gut nachvollziehbar, kennt aber keine objektorientierte Grundstruktur im modernen Sinn.

StilStrukturiert
ModularisierungUnterprogramme
OOPNicht im Kern
LesbarkeitGut im Umfeld
Dialog- & Maskenorientierung
Anwendungsmodell

Natural bringt Mittel für Bildschirmmasken und Dialogsteuerung mit, wie sie in klassischen Terminalanwendungen üblich sind. Erfassungs- und Auskunftsdialoge lassen sich damit direkt in der Sprache abbilden.

ModellMaskendialog
UmfeldTerminal
StärkeErfassung
GrenzeModerne UI
Dialog- und Stapelbetrieb
Betriebsart

Natural-Programme laufen sowohl interaktiv im Dialog als auch als Stapelverarbeitung (Batch) für Massendaten. Damit deckt die Sprache die zwei klassischen Betriebsmuster großer Verwaltungssysteme ab.

DialogUnterstützt
BatchUnterstützt
SteuerungOft über JCL
ZielgruppeKernsysteme
Integriertes Data Dictionary
Metadaten

Über das zugehörige Metadaten-Repository lassen sich Datendefinitionen zentral verwalten und in Programmen wiederverwenden. Das fördert Konsistenz zwischen Datenmodell und Anwendungscode innerhalb des Ökosystems.

ZweckMetadaten
VorteilKonsistenz
WerkzeugPredict
BindungÖkosystem

Die 4GL-Idee: Produktivität durch Abstraktion

Das prägendste Merkmal von Natural ist seine Einordnung als Sprache der vierten Generation. Während Sprachen der dritten Generation – etwa COBOL oder PL/I – jeden Verarbeitungsschritt vergleichsweise ausführlich beschreiben, hebt eine 4GL die Abstraktionsebene an: Wiederkehrende Muster wie das Lesen von Datensätzen, das Durchlaufen von Ergebnismengen oder die Steuerung von Bildschirmmasken sind in die Sprache eingebaut. Das Ergebnis ist Code, der dieselbe fachliche Aufgabe mit deutlich weniger Zeilen ausdrückt.
Für die Zeit, in der Natural entstand, war das ein erheblicher Produktivitätsgewinn – und in seinem angestammten Umfeld ist er es bis heute. Die Kehrseite: Diese Abstraktion ist eng auf ein bestimmtes Datenbank- und Betriebsmodell zugeschnitten. Was die Entwicklung datenintensiver Kernanwendungen beschleunigt, macht Natural gleichzeitig zu einem Spezialwerkzeug, das außerhalb seiner Domäne kaum Anwendung findet und sich nicht ohne Weiteres in beliebige moderne Architekturen einfügt.

Datenbanknähe als prägendes Prinzip

Anders als universelle Sprachen, die über austauschbare Schnittstellen mit verschiedenen Datenbanken sprechen, ist Natural historisch auf Adabas hin optimiert. Diese Nähe erklärt, warum datenbezogene Operationen in Natural so knapp ausfallen und warum beide Produkte in der Praxis als Einheit betrachtet werden. In modernen Varianten und Werkzeugen der Software AG lässt sich Natural zwar auch mit relationalen Datenbanken über standardisierte Schnittstellen verbinden; der aktuelle Funktionsumfang und die unterstützten Kombinationen sollten jedoch stets anhand der offiziellen Produktdokumentation geprüft werden.
Für Unternehmen ist die enge Kopplung ein zweischneidiges Merkmal. Sie liefert im Bestand Effizienz und ein durchdachtes Zusammenspiel, führt aber dazu, dass Sprache und Datenbank strategisch gemeinsam betrachtet werden müssen: Entscheidungen über die eine Komponente berühren fast immer die andere. Diese Verkopplung ist ein wesentlicher Grund für die im weiteren Verlauf behandelte Anbieterbindung.
Kernmerkmale in einem Satz

Natural ist eine strukturierte 4GL, die eng mit der Datenbank Adabas verzahnt und auf transaktionsorientierte Kernsysteme ausgelegt ist – optimiert auf Produktivität und Stabilität in ihrem angestammten Umfeld, nicht auf Universalität oder offene Integration. Wer diese bewusste Spezialisierung versteht, weiß, warum Natural in Verwaltung und Finanzwesen bis heute läuft und warum es für breite, moderne Neuentwicklungen selten die erste Wahl ist.

Kapitel 03 · Syntax & Sprachaufbau

Syntax und Sprachaufbau

Natural gilt in seinem Umfeld als vergleichsweise gut lesbar. Statt technischer Details beschreiben wir hier qualitativ, was das Programmieren mit Natural in der Praxis ausmacht – und warum die Sprache für Umsteiger aus modernen Sprachen dennoch gewöhnungsbedürftig ist.

Der Aufbau von Natural-Programmen ist durch klar abgegrenzte Struktureinheiten geprägt: Datendefinitionen werden getrennt von der eigentlichen Verarbeitungslogik geführt, und Programme lassen sich in Unterprogramme, Subroutinen und wiederverwendbare Bausteine gliedern. Diese Trennung sorgt in gepflegten Beständen für nachvollziehbaren Aufbau, ist aber in gewachsenen, jahrzehntealten Anwendungen nicht immer diszipliniert eingehalten worden – ein häufiger Befund in unseren Bestandsanalysen.

Datenbankzugriff als sprachliches Kernstück

Das charakteristischste Element der Natural-Syntax ist die Art, wie Datenbankzugriffe ausgedrückt werden. Wo eine universelle Sprache eine separate Abfragesprache einbetten und Ergebnisse umständlich verarbeiten muss, sind das Auffinden, Durchlaufen und Bearbeiten von Datensätzen in Natural unmittelbar in die Sprache integriert. Für Entwickler, die im Adabas-Umfeld arbeiten, wirkt das natürlich und effizient: Datenzentrierte Logik liest sich kompakt und folgt einem einheitlichen Muster.
Für Umsteiger aus einer relationalen, SQL-geprägten Welt ist genau das jedoch ungewohnt. Die Denkweise unterscheidet sich von der mengenorientierten Logik relationaler Datenbanken, und viele Konzepte lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Wer Natural neu erlernt, muss daher nicht nur eine Syntax, sondern ein eigenes Daten- und Verarbeitungsmodell verstehen – ein Grund, warum die Einarbeitung trotz grundsätzlicher Lesbarkeit Zeit braucht.

Lesbarkeit, Konventionen und gewachsene Bestände

Natural ist so gestaltet, dass gut geschriebener Code für Kundige verständlich bleibt: Die Anweisungen orientieren sich an fachlichen Vorgängen, und die Sprache verzichtet auf einen Großteil des technischen Beiwerks systemnaher Sprachen. In sauber strukturierten Anwendungen mit einheitlichen Namenskonventionen ist Natural-Code daher durchaus wartbar. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Konventionen über die Jahre konsequent gelebt wurden.
In der Praxis treffen wir häufig auf das Gegenteil: Bestände, die über Jahrzehnte von wechselnden Teams erweitert wurden, unterschiedliche Stile vermischen und deren ursprüngliche Dokumentation lückenhaft ist. Das ist kein spezifisches Natural-Problem, sondern gilt für alle langlebigen Sprachen – wiegt bei Natural aber schwerer, weil das Wissen um die Sprache und um die konkrete Anwendung oft an wenigen erfahrenen Personen hängt. Die Lesbarkeit der Sprache nützt wenig, wenn niemand mehr das fachliche Modell dahinter kennt.

Sprachumfang und Weiterentwicklung

Natural ist über die Jahrzehnte kontinuierlich erweitert worden und deckt neben der klassischen Dialog- und Stapelverarbeitung auch modernere Anforderungen ab, etwa die Bereitstellung von Funktionen als Dienste oder die Anbindung an andere Systeme. Welche Sprachmittel und Schnittstellen in welcher Produktversion verfügbar sind, ändert sich mit den Releases der Software AG und sollte stets in der offiziellen Dokumentation geprüft werden – konkrete Versions- oder Funktionsangaben ändern sich laufend und sind nicht Gegenstand dieses Überblicks.
Wichtig für die Praxis ist die Erkenntnis, dass Natural heute nicht mehr nur die klassische Mainframe-Sprache meint, sondern ein Produkt mit mehreren Plattformvarianten und einem modernen Entwicklungswerkzeug. Für die strategische Bewertung eines Bestands ist daher weniger die abstrakte Sprachfrage entscheidend als der konkrete Versions- und Plattformstand des eigenen Systems.
Praxis-Hinweis

Die grundsätzliche Lesbarkeit von Natural ist in gepflegten Beständen eine echte Stärke – entscheidend für die Wartbarkeit ist jedoch, ob Namenskonventionen und Strukturierung über die Jahre eingehalten wurden und ob das fachliche Wissen dokumentiert ist. Vor jeder Weiterentwicklung oder Migration lohnt eine ehrliche Bestandsaufnahme: Codequalität, Dokumentationsstand und die Frage, wie viele Personen den Bestand wirklich verstehen.

Kapitel 04 · Umfeld, Plattform & Tooling

Umfeld, Plattform und Tooling

Natural ist kein isolierter Sprachkern, sondern Teil eines aufeinander abgestimmten Produktökosystems der Software AG: die Datenbank Adabas, das Metadaten-Werkzeug Predict und die moderne Entwicklungsumgebung NaturalONE – historisch verankert auf dem Mainframe, heute auch auf offenen Plattformen. Wer dieses Umfeld kennt, versteht die Stärken im Betrieb ebenso wie die strategische Bindung.

Adabas: die Datenbank hinter Natural

Untrennbar mit Natural verbunden ist Adabas, die hochperformante Datenbank der Software AG, die auf schnelle Verarbeitung großer Datenmengen ausgelegt ist. Adabas folgt nicht dem relationalen Modell klassischer SQL-Datenbanken, sondern einem eigenen, auf Effizienz getrimmten Ansatz. In Kombination mit Natural entsteht ein Gespann, das für transaktionsintensive Verwaltungs- und Finanzanwendungen über Jahrzehnte sehr zuverlässig gearbeitet hat. Wenn im Umfeld von Natural die Rede ist, ist Adabas fast immer Teil der Betrachtung.
Für die strategische Bewertung bedeutet das: Sprache und Datenbank lassen sich in der Regel nicht getrennt betrachten. Eine Entscheidung über die Zukunft der Natural-Anwendungen ist gleichzeitig eine Entscheidung über Adabas – und umgekehrt. Diese Kopplung ist ein zentraler Grund, warum Migrationsprojekte in diesem Umfeld sowohl die Sprache als auch das Datenmodell umfassen müssen.

Mainframe und weitere Plattformen

Historisch ist Natural eine Mainframe-Technologie, etwa auf Großrechner-Betriebssystemen wie z/OS oder BS2000, wo es einen erheblichen Teil der kritischen Verwaltungs- und Finanzsysteme mitträgt. In diesem Umfeld ist die Ablaufsteuerung von Stapelverarbeitungen häufig über Job-Control-Sprachen wie JCL organisiert, und Natural fügt sich in die etablierten Betriebsabläufe des Großrechners ein. Diese Verankerung erklärt die hohe Stabilität, aber auch die Nähe zu einer bestimmten, spezialisierten Betriebswelt.
Über die Jahre hat die Software AG Natural und Adabas zusätzlich auf offene Plattformen wie Unix, Linux und Windows gebracht, sodass Anwendungen nicht mehr zwingend an den Mainframe gebunden sind. Für Unternehmen eröffnet das Wege, Bestände von teuren Großrechner-Umgebungen auf kostengünstigere Plattformen zu verlagern, ohne die Anwendung vollständig neu zu schreiben. Welche Plattformen in welchem Umfang unterstützt werden, hängt von der jeweiligen Produktversion ab und sollte konkret geprüft werden.

NaturalONE, Predict und Werkzeuglandschaft

Die Entwicklung mit Natural erfolgte lange über zeichenbasierte Werkzeuge direkt auf dem Großrechner. Mit NaturalONE stellt die Software AG eine moderne, auf einer verbreiteten Entwicklungsplattform basierende Entwicklungsumgebung bereit, die zeitgemäßes Arbeiten mit Natural-Code ermöglicht – etwa komfortables Editieren, Navigieren und die Anbindung an moderne Versionsverwaltung. Für Teams, die Natural weiterpflegen, ist das ein wichtiger Schritt weg von der reinen Terminalwelt hin zu Arbeitsweisen, die auch jüngere Entwickler kennen.
Ergänzt wird das Umfeld durch Predict, das als zentrales Data Dictionary Metadaten über Datenstrukturen und deren Verwendung verwaltet. Diese Werkzeuge fördern Konsistenz und Übersicht innerhalb des Ökosystems – binden die Organisation aber zugleich enger an die Produktwelt eines einzelnen Anbieters. Der konkrete Werkzeugumfang und dessen Bezeichnungen entwickeln sich mit den Produktlinien der Software AG weiter und sollten anhand der aktuellen Dokumentation nachvollzogen werden.
Ökosystem als Bindung und Stärke zugleich

Der Wert von Natural liegt selten in der Sprache allein, sondern im abgestimmten Zusammenspiel aus Sprache, Datenbank, Metadaten-Verwaltung und Entwicklungsumgebung. Dieses Zusammenspiel liefert im Betrieb Stabilität und Effizienz – bindet die Organisation aber eng an einen einzelnen Anbieter. Für die strategische Bewertung ist entscheidend, das gesamte Ökosystem gemeinsam zu betrachten und nicht nur die Sprache isoliert.

Kapitel 05 · Typische Einsatzgebiete

Wofür Natural eingesetzt wird

Natural ist ein Spezialist – und man findet es dort, wo große, datenintensive und stabilitätskritische Kernsysteme über Jahrzehnte gewachsen sind. Im DACH-Raum konzentriert sich der Einsatz auf einige klar erkennbare Domänen, in denen Natural bis heute reale Geschäftsprozesse trägt.

Öffentliche Verwaltung

Behörden und öffentliche Einrichtungen betreiben umfangreiche Fach- und Verwaltungsverfahren auf Natural und Adabas. Diese Systeme verwalten große Datenbestände zuverlässig über sehr lange Zeiträume – ein klassisches Kernsystem-Umfeld.

Verfahren laufen stabil
Banken & Finanzwesen

Im Bankenumfeld steuern Natural-Anwendungen transaktionsintensive Kernprozesse. Die hohe Verarbeitungsleistung und Stabilität von Natural und Adabas passen zu den Anforderungen an Zuverlässigkeit im Finanzbetrieb.

Transaktionen zuverlässig
Versicherungen

Versicherer nutzen Natural für Bestands-, Vertrags- und Schadenssysteme, die komplexe, langlebige Datenbestände verwalten. Die lange Lebensdauer solcher Verträge harmoniert mit der Langlebigkeit der Technologie.

Bestände langfristig gepflegt
Massendatenverarbeitung

Große Stapelverarbeitungen – etwa nächtliche Abrechnungs- oder Aktualisierungsläufe über Millionen von Datensätzen – gehören zu den klassischen Stärken. Natural und Adabas sind auf solche Lasten hin ausgelegt.

Massendaten im Griff
Dialog- & Auskunftssysteme

Erfassungs- und Auskunftsdialoge für Sachbearbeitung sind ein typisches Einsatzfeld. Die eingebaute Maskensteuerung macht Natural in diesem klassischen Terminal-Umfeld produktiv.

Sachbearbeitung effizient
Langlebige Kernsysteme

Übergreifend gilt: Natural findet sich dort, wo Systeme über Jahrzehnte betrieben werden und Stabilität über modische Technik gestellt wurde. Diese Systeme sind oft tief in die Geschäftsprozesse eingewachsen.

Über Jahrzehnte im Betrieb

Die Kerndomäne: Verwaltung, Banken und Versicherungen

Wenn ein Muster den Einsatz von Natural im DACH-Raum erklärt, dann ist es die Kombination aus großen, langlebigen Datenbeständen und hohen Anforderungen an Zuverlässigkeit. Öffentliche Verwaltung, Banken und Versicherungen teilen diese Merkmale: Ihre Kernprozesse laufen über Jahrzehnte, betreffen sensible und regulierte Daten und dürfen im Betrieb nicht ausfallen. Genau für dieses Profil wurde Natural konzipiert, und genau hier hat es sich über lange Zeiträume bewährt.
Für ein Unternehmen oder eine Behörde mit einem solchen Bestand ist die praktische Konsequenz wichtig: Diese Systeme funktionieren in der Regel gut und tragen zentrale Geschäftsprozesse. Ein vorschneller Ersatz aus rein technischer Modernitätserwägung ist selten wirtschaftlich. Zugleich verlangt die strategische Abhängigkeit eine bewusste, langfristige Planung – ein Spannungsfeld, das wir in den folgenden Kapiteln vertiefen.

Der unterschätzte Faktor: Prozesswissen im Code

Ein oft übersehener Aspekt beim Einsatz von Natural ist, dass diese Systeme über die Jahre nicht nur Daten, sondern auch fachliches Prozesswissen gespeichert haben. Regeln, Sonderfälle und Ausnahmen, die im Laufe von Jahrzehnten in den Code eingeflossen sind, existieren häufig nirgendwo anders dokumentiert. Der Wert eines Natural-Systems liegt daher nicht nur in seiner technischen Funktion, sondern in diesem verkörperten Wissen.
Das hat unmittelbare Konsequenzen für jede Modernisierung: Wer ein Natural-System ablösen will, muss nicht nur Code umschreiben, sondern das darin enthaltene Fachwissen erst rekonstruieren und verstehen. Diese oft unterschätzte Aufgabe ist einer der Hauptgründe, warum Migrationen im Natural-Umfeld aufwendiger sind, als es die reine Codemenge vermuten lässt. Wir gehen darauf im Modernisierungskapitel gezielt ein.
Praxis-Hinweis

Natural-Systeme in Verwaltung, Banken und Versicherungen sind meist keine technischen Altlasten, die man einfach abschaltet, sondern tragende Kernsysteme mit eingebautem Prozesswissen. Der erste Schritt ist selten die Ablösung, sondern das Verstehen: Welche Geschäftsprozesse hängen daran, welches Wissen steckt im Code, und wie kritisch ist das System wirklich? Erst danach lässt sich seriös über Weiterbetrieb oder Modernisierung entscheiden.

Kapitel 06 · Abgrenzung & Vergleich

Natural im Sprachvergleich

Natural wird oft mit anderen Legacy- und Unternehmenssprachen in einen Topf geworfen. Der ehrliche Vergleich mit COBOL, PL/I und ABAP zeigt, was Natural von diesen unterscheidet – und warum die Wahl in der Praxis fast nie eine grüne Wiese, sondern eine gewachsene Bestandssituation ist. Diese Einordnung ist herstellerneutral.

Aspekt Natural COBOL PL/I ABAP
Sprachgeneration 4GL 3GL 3GL 4GL-nah
Datenbank-Bindung Adabas (eng) Frei / VSAM / DB2 Frei / DB2 SAP-Umfeld
Anbieterbindung Software AG Herstellerübergreifend Weitgehend offen SAP
Verbreitung / Fachkräfte Nische, rückläufig Groß, aber alternd Klein Groß im SAP-Umfeld
Typisches Umfeld Verwaltung, Finanz Großrechner breit Großrechner, technisch SAP-Anwendungen
Modernes Tooling NaturalONE Verschiedene Begrenzt SAP-Werkzeuge
Sweet Spot Adabas-Kernsysteme Breite Mainframe-Bestände Technisch-numerische Systeme SAP-Geschäftsprozesse

Natural vs. COBOL: 4GL-Spezialist gegen offenen Standard

COBOL ist die wohl bekannteste Mainframe-Sprache und über viele Hersteller und Plattformen hinweg verbreitet. Als Sprache der dritten Generation ist COBOL ausführlicher, aber auch offener: Es ist nicht an eine bestimmte Datenbank oder einen einzelnen Anbieter gebunden und arbeitet mit unterschiedlichen Datenhaltungen zusammen. Natural setzt dagegen auf eine höhere Abstraktionsebene und liefert im Adabas-Umfeld kompakteren Code, erkauft dies aber mit der engen Bindung an das Ökosystem der Software AG.
Für die strategische Bewertung ist dieser Unterschied zentral: COBOL-Bestände profitieren von einem größeren, wenn auch alternden Fachkräftepool und einer herstellerübergreifenden Basis, was Migrations- und Betriebsoptionen tendenziell breiter macht. Natural-Bestände sind kompakter und im Betrieb effizient, aber stärker an einen Anbieter und eine Datenbank gekettet. Beide sind bewährte Kernsystem-Technologien; die Wahl fällt jedoch selten neu, sondern ergibt sich aus der historisch gewachsenen Landschaft.

Natural vs. PL/I: unterschiedliche Schwerpunkte

PL/I ist eine weitere klassische Mainframe-Sprache, die historisch für ein breites Spektrum von kaufmännischen bis technisch-numerischen Aufgaben gedacht war. Sie ist wie COBOL herstellerübergreifend ausgerichtet und nicht an eine bestimmte Datenbank gebunden. In der Praxis ist PL/I weniger verbreitet als COBOL, und das Fachkräfteangebot ist entsprechend kleiner. Gegenüber Natural fehlt PL/I die 4GL-typische Datenbanknähe; dafür ist es nicht an einen einzelnen Anbieter gebunden.
In gewachsenen Rechenzentren treffen diese Sprachen oft nebeneinander an – COBOL, PL/I und Natural, jeweils für unterschiedliche Anwendungen und aus unterschiedlichen Beschaffungsentscheidungen der Vergangenheit. Für den Betrieb heißt das, dass mehrere Legacy-Kompetenzen parallel vorgehalten werden müssen, was den Fachkräftebedarf zusätzlich verschärft. Die Bündelung und Priorisierung dieser Bestände ist ein wiederkehrendes Thema in unseren Beratungsprojekten.

Natural vs. ABAP: zwei 4GL-Welten mit Anbieterbindung

ABAP ist die Programmiersprache der SAP-Welt und teilt mit Natural ein wesentliches Merkmal: Sie ist eng an das Ökosystem eines einzelnen Anbieters gebunden und außerhalb dieses Umfelds kaum relevant. Beide sind produktiv innerhalb ihrer jeweiligen Domäne und beide erzeugen eine strategische Abhängigkeit vom Hersteller. Der entscheidende Unterschied liegt in der Marktstellung: ABAP profitiert von der enormen Verbreitung von SAP und einem entsprechend großen Fachkräftepool, während Natural eine deutlich kleinere, spezialisiertere Nische bedient.
Diese Gegenüberstellung ist für Entscheider aufschlussreich, weil sie zeigt, dass Anbieterbindung nicht automatisch problematisch ist – sie ist es umso mehr, je kleiner und rückläufiger die zugehörige Community und je enger der Anbietermarkt wird. Genau deshalb wiegt die strategische Abhängigkeit im Natural-Umfeld schwerer als im breiteren SAP-Umfeld, obwohl das Grundprinzip vergleichbar ist. Auf diesen Punkt gehen wir im folgenden Kapitel gezielt ein.
Stärken
  • Hohe Produktivität im Adabas-Umfeld durch 4GL-Abstraktion
  • Kompakter Code für datenintensive Kernanwendungen
  • Über Jahrzehnte bewährte Stabilität und Zuverlässigkeit
  • Starke Massendaten- und Transaktionsverarbeitung
  • Eingebaute Dialog- und Maskensteuerung
  • Abgestimmtes Ökosystem aus Sprache, Datenbank, Werkzeugen
  • Moderne Entwicklungsumgebung mit NaturalONE verfügbar
  • Verfügbar auch auf offenen Plattformen, nicht nur Mainframe
Einschränkungen
  • Starke Anbieterbindung an die Software AG
  • Enge Kopplung an Adabas erschwert Datenbankwechsel
  • Kleiner, alternder und rückläufiger Fachkräftepool
  • Kaum Relevanz außerhalb bestehender Bestände
  • Aufwendige Integration in moderne, offene Architekturen
  • Kein objektorientiertes Modell im modernen Sinn
  • Klassische Terminal-Oberflächen entsprechen nicht heutigen Standards
  • Prozesswissen oft nur im Code, kaum dokumentiert
Kapitel 07 · Status, Support & Abhängigkeit

Status, Support und strategische Abhängigkeit

Natural ist ein kommerzielles, proprietäres Produkt der Software AG – kein Open-Source-Projekt. Das prägt die strategische Lage grundlegend: Verfügbarkeit, Weiterentwicklung und Support hängen an einem einzelnen Anbieter. Diesen Aspekt ordnen wir sachlich ein, ohne konkrete Vertrags- oder Preisdetails, die sich laufend ändern.

Proprietäres Produkt statt offener Standard

Im Unterschied zu Sprachen, die von offenen Gremien oder Gemeinschaften getragen werden, ist Natural das Produkt eines Unternehmens. Nutzung, Wartung und Weiterentwicklung erfolgen im Rahmen kommerzieller Lizenz- und Wartungsvereinbarungen mit der Software AG. Für Bestandskunden bedeutet das einerseits einen klaren Ansprechpartner, professionellen Support und eine geordnete Produktpflege; andererseits eine strukturelle Abhängigkeit von den strategischen und kommerziellen Entscheidungen dieses Anbieters.
Diese Abhängigkeit ist zunächst wertneutral zu sehen – viele Unternehmen setzen erfolgreich auf proprietäre Kernsoftware. Sie wird jedoch zum strategischen Faktor, wenn sich Eigentümerverhältnisse, Produktstrategien oder Marktbedingungen des Anbieters ändern. Wer eine geschäftskritische Landschaft auf Natural betreibt, sollte die Entwicklung des Anbieters und dessen langfristige Produktausrichtung bewusst beobachten, statt sie als selbstverständlich vorauszusetzen.

Support, Lebenszyklus und Versionsstände

Wie bei jeder kommerziellen Software gibt es für Natural und Adabas definierte Produkt- und Support-Lebenszyklen: Versionen werden gepflegt, erhalten Aktualisierungen und laufen zu bestimmten Zeitpunkten aus dem regulären Support. Für den Betrieb ist es essenziell zu wissen, in welchem Lebenszyklus-Status die eigene Version steht, da davon Sicherheit, Stabilität und Handlungsdruck abhängen. Konkrete Termine, Versionsstände und Support-Zusagen ändern sich fortlaufend und sind ausschließlich den offiziellen Angaben des Anbieters zu entnehmen.
Ein häufiger Befund in unseren Bestandsanalysen ist, dass Organisationen den Lebenszyklus-Status ihrer Legacy-Produkte nicht präzise kennen. Das ist riskant: Läuft eine Version aus dem Support, entstehen Sicherheits- und Betriebsrisiken, und der Handlungsdruck kann kurzfristig stark steigen. Deshalb gehört die laufende Beobachtung des Support-Status zu einer soliden IT-Governance – unabhängig davon, ob mittelfristig Weiterbetrieb oder Ablösung geplant ist.

Anbieterbindung sachlich bewerten

Die Anbieterbindung im Natural-Umfeld ist ausgeprägter als bei offenen Standards, weil Sprache, Datenbank und Werkzeuge aus einer Hand stammen und eng verzahnt sind. Ein Wechsel betrifft daher nicht eine einzelne Komponente, sondern das gesamte Ökosystem – mit entsprechendem Aufwand. Diese Bindung erhöht die Abhängigkeit von Preis-, Lizenz- und Strategieentscheidungen des Anbieters und schränkt die Verhandlungsposition ein, je kritischer und alternativloser das System ist.
Für Entscheider heißt das nicht, dass Anbieterbindung per se falsch ist – sondern dass sie bewusst und kalkuliert eingegangen und regelmäßig überprüft werden sollte. Zentrale Fragen sind: Wie kritisch ist das System, welche Ausstiegsoptionen bestehen grundsätzlich, welche Kosten und Risiken hätte ein Wechsel, und wie entwickelt sich der Anbietermarkt? Diese Bewertung ist eine strategische, keine rein technische Aufgabe und sollte auf Leitungsebene verankert sein.
Keine Rechtsberatung

Die Hinweise zu Lizenz-, Wartungs- und Vertragsaspekten in diesem Kapitel sind eine allgemeine fachliche Einordnung aus IT- und Projektsicht und keine Rechtsberatung. Konkrete Lizenz-, Support- und Vertragsbedingungen der Software AG ändern sich fortlaufend und sind ausschließlich den offiziellen Angaben des Anbieters zu entnehmen; ihre rechtliche Bewertung – insbesondere bei Verlängerung, Ausstieg oder Migration – gehört in die Hände fachkundiger rechtlicher Begleitung. Die Verantwortung für den vertrags- und rechtskonformen Betrieb bleibt beim einsetzenden Unternehmen.

Kapitel 08 · Modernisierung & Mittelstand

Modernisierung im Mittelstand

In der Theorie lässt sich jedes Legacy-System ablösen. In der Praxis zählt, wie ein DACH-Mittelständler oder eine Behörde mit einem laufenden Natural-Bestand konkret umgeht – zwischen Weiterbetrieb, schrittweiser Modernisierung und vollständiger Migration, und immer unter dem Vorzeichen knapper Fachkräfte.

Fachkräfte: der kritische Engpass

Der wohl drängendste Faktor im Natural-Umfeld ist die Verfügbarkeit von Fachkräften. Erfahrene Natural-Entwickler sind häufig langjährige Mitarbeiter, die dem Ruhestand entgegengehen, und der Nachwuchs lernt Natural in Ausbildung und Studium kaum noch. Anders als bei verbreiteten modernen Sprachen ist der Arbeitsmarkt für Natural-Kompetenz klein und wird tendenziell enger. Für ein mittelständisches Unternehmen oder eine Behörde entsteht daraus ein reales Betriebsrisiko: Wenn wenige Schlüsselpersonen das System tragen, hängt dessen Weiterbetrieb an einzelnen Köpfen.
Dieser Engpass ist oft der eigentliche Auslöser für Modernisierungsüberlegungen – nicht die Technik selbst. Ein System, das technisch stabil läuft, wird zum Problem, wenn niemand mehr da ist, der es pflegen und im Fehlerfall verstehen kann. Deshalb gehört zur seriösen Bewertung eines Natural-Bestands immer auch die nüchterne Frage: Wie lange ist das nötige Wissen im Haus oder am Markt noch verfügbar, und wie wird es gesichert?

Modernisierungswege: von Weiterbetrieb bis Neubau

Zwischen alles bleibt und alles neu liegt ein Spektrum an Optionen, die sich je nach Kritikalität, Budget und Risikobereitschaft kombinieren lassen. Grob lassen sich mehrere Ansätze unterscheiden:
  • Weiterbetrieb und Bestandssicherung – das System wird bewusst weiterbetrieben, aber Wissen dokumentiert, Personal gesichert und der Support-Status überwacht. Ein legitimer Weg, wenn das System stabil und die Ablösung noch nicht vordringlich ist.
  • Plattformverlagerung – die Anwendung wird weitgehend unverändert von teuren Großrechner-Umgebungen auf kostengünstigere offene Plattformen gebracht. Das senkt Betriebskosten, ohne die fachliche Logik anzutasten, löst aber die Anbieterbindung nicht auf.
  • Schrittweise Modernisierung – Teile des Systems werden nach und nach abgelöst oder gekapselt, etwa über moderne Schnittstellen, sodass neue Anwendungen auf die Bestandslogik zugreifen können, ohne sie sofort zu ersetzen.
  • Automatisierte oder manuelle Migration – der Code wird in eine andere Sprache überführt, entweder werkzeuggestützt oder durch fachliche Neuentwicklung. Der Aufwand hängt stark von Codequalität, Dokumentation und dem im Code steckenden Prozesswissen ab.
  • Fachliche Neuentwicklung – das System wird auf Basis der Geschäftsanforderungen neu gebaut. Am aufwendigsten und riskantesten, aber die einzige Option, die Anbieterbindung und Altlasten wirklich hinter sich lässt.
Welcher Weg der richtige ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Er hängt von der Kritikalität des Systems, der verfügbaren Zeit, dem Budget und der Risikobereitschaft ab. In der Praxis bewährt sich oft ein gestufter Ansatz: erst Bestand und Risiken verstehen, dann Betrieb absichern, dann gezielt und schrittweise modernisieren, statt einen riskanten Komplettaustausch zu wagen.

Warum Migrationen aufwendiger sind als erwartet

Ein wiederkehrendes Muster in Modernisierungsprojekten ist die Unterschätzung des Aufwands. Der Grund liegt selten in der reinen Codemenge, sondern in dem bereits beschriebenen Prozesswissen, das im Code eingebettet ist. Regeln, Sonderfälle und historische Ausnahmen sind oft nirgends dokumentiert und müssen bei einer Ablösung erst rekonstruiert werden. Hinzu kommt die enge Adabas-Kopplung: Eine Migration betrifft nicht nur die Sprache, sondern auch das nicht-relationale Datenmodell, das in eine neue Datenhaltung überführt werden muss.
Für den Mittelstand ist die wichtigste Lehre, Modernisierung nicht als reines Technikprojekt zu behandeln. Erfolgreiche Vorhaben verbinden technische Migration mit der systematischen Sicherung des Fachwissens, mit realistischer Zeit- und Budgetplanung und mit einer klaren Priorisierung, welche Systeme zuerst und welche vielleicht gar nicht abgelöst werden müssen. Ein ehrlicher Blick auf diese Komplexität zu Beginn erspart teure Überraschungen im Verlauf.
Praxis-Hinweis

Modernisierung im Natural-Umfeld gelingt am besten, wenn sie schrittweise und wissensgetrieben angegangen wird. Beginnen Sie nicht mit der Technikwahl, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme: Wie kritisch ist das System, wie steht es um Fachkräfte und Dokumentation, und welches Prozesswissen steckt im Code? Sichern Sie zuerst den Betrieb und das Wissen ab – erst dann lässt sich der passende Modernisierungsweg risikoarm bestimmen.

Kapitel 09 · Betrieb, Governance & Zukunft

Betrieb, Governance und Zukunft

Ob ein Natural-Bestand weiterbetrieben oder abgelöst wird – in beiden Fällen braucht es klare Governance. Dieser Abschnitt ordnet Betrieb, Risikosteuerung, Sicherheit und die Zukunftsperspektive ein, sachlich und mit dem Hinweis, dass Lizenz- und Vertragsfragen keine Rechtsberatung ersetzen.

Betriebsstabilität und Risikosteuerung

Im laufenden Betrieb sind Natural-Systeme in der Regel bemerkenswert stabil – das ist einer ihrer größten Vorzüge und ein Grund, warum sie über Jahrzehnte bestehen. Die eigentlichen Betriebsrisiken sind daher weniger technischer Natur als organisatorisch: die Abhängigkeit von wenigen Wissensträgern, unklarer Support-Status der eingesetzten Produktversionen und fehlende Dokumentation der fachlichen Logik. Eine solide Governance adressiert genau diese Punkte, unabhängig von der Modernisierungsstrategie.
Konkret bedeutet das: Wissen aktiv sichern, statt sich auf einzelne Personen zu verlassen; den Lebenszyklus- und Support-Status der Produkte laufend beobachten; Änderungen am Bestand versioniert und nachvollziehbar durchführen; und regelmäßig bewerten, wie kritisch das System für die Geschäftsprozesse ist. Diese Maßnahmen sind keine Bürokratie, sondern die Grundlage dafür, ein Legacy-System kontrolliert und mit vertretbarem Risiko zu betreiben.

Sicherheit im Legacy-Kontext

Beim Thema Sicherheit ist zwischen der Anwendung und ihrer Umgebung zu unterscheiden. Natural-Systeme laufen häufig in etablierten, gut abgesicherten Großrechner- oder Serverumgebungen, die eigene, ausgereifte Sicherheitskonzepte mitbringen. Die relevanten Risiken entstehen in der Praxis eher aus veralteten, nicht mehr gepflegten Produktversionen, aus fehlenden Aktualisierungen und aus der Anbindung alter Systeme an moderne, offene Netze, für die sie ursprünglich nicht konzipiert wurden.
Die Gegenmaßnahmen sind klar: den Support- und Aktualisierungsstand der eingesetzten Natural- und Adabas-Versionen aktuell halten, Sicherheitsupdates des Anbieters zeitnah einspielen und die Integration in moderne Umgebungen bewusst absichern. Wenn Legacy-Systeme über neue Schnittstellen erreichbar gemacht werden, muss die Sicherheit dieser Übergänge besonders sorgfältig geprüft werden. Der jeweils aktuelle Stand zu Versionen und bekannten Schwachstellen ist beim Anbieter zu erfragen und laufend zu verfolgen.

Zukunftsperspektive: nüchtern statt dogmatisch

Die Zukunft von Natural ist von zwei Kräften geprägt. Auf der einen Seite steht die reale Persistenz gewachsener Kernsysteme, die sich nicht kurzfristig ablösen lassen und daher noch auf Jahre hinaus betrieben werden – Legacy-Technologien haben eine bemerkenswerte Beharrlichkeit. Auf der anderen Seite steht der langfristige Strukturwandel: schrumpfender Fachkräftepool, anbieterseitige Strategieentwicklung und der Wunsch vieler Organisationen nach offeneren, integrierbaren Architekturen.
Für den Mittelstand und die öffentliche Verwaltung ergibt sich daraus eine pragmatische Haltung: Weder überstürzter Ausstieg noch sorgloses Weiterlaufenlassen sind sinnvoll. Die tragfähige Strategie ist ein bewusst gesteuerter, langfristiger Umgang – den Bestand kennen, Risiken aktiv managen, Wissen sichern und den Modernisierungspfad rechtzeitig und schrittweise vorbereiten, bevor externer Druck durch Support-Ende oder Personalabgang die Entscheidung erzwingt. Diese vorausschauende Governance ist die beste Versicherung gegen teure Zwangslagen.
Betrieb & Governance im Überblick

Natural-Bestände sind technisch meist stabil; die wesentlichen Risiken sind organisatorisch und strategisch. Eine solide Governance adressiert Wissen, Support-Status, Sicherheit und Zukunftsplanung. Folgende Punkte sind besonders relevant:

Anbieter
Proprietäres Produkt der Software AG, kommerziell lizenziert
Fachkräfte
Kleiner, alternder Pool – Wissen aktiv sichern, nicht an Köpfe binden
Support-Status
Lebenszyklus der Versionen laufend beim Anbieter prüfen
Sicherheit
Veraltete Versionen ablösen, Updates einspielen, Schnittstellen absichern
Anbieterbindung
Bewusst kalkulieren und regelmäßig überprüfen
Lizenz & Vertrag
Bedingungen beim Anbieter klären – keine Rechtsberatung
Keine Rechtsberatung

Die Hinweise zu Lizenz-, Wartungs- und Vertragsfragen in diesem Kapitel sind eine allgemeine fachliche Einordnung aus IT- und Projektsicht und keine Rechtsberatung. Die konkrete Bewertung von Lizenz- und Wartungsbedingungen sowie vertraglicher Pflichten – insbesondere bei Verlängerung, Plattformwechsel oder Migration – sollte mit fachkundiger rechtlicher Begleitung erfolgen. Die Verantwortung für den rechts- und vertragskonformen Einsatz bleibt beim einsetzenden Unternehmen.

Kapitel 10 · Häufige Fragen

Häufig gestellte Fragen zu Natural

Diese Fragen tauchen in unseren Beratungsgesprächen zu Legacy- und Mainframe-Themen am häufigsten auf – kurz und sachlich beantwortet.

Was ist Natural von der Software AG?
Natural ist eine proprietäre Programmiersprache der vierten Generation (4GL) der Software AG mit Sitz in Darmstadt, die in den 1970er Jahren entstand. Sie ist eng mit der ebenfalls von der Software AG entwickelten Datenbank Adabas verzahnt und wurde für datenintensive, transaktionsorientierte Kernsysteme entwickelt. Über Jahrzehnte hat sich Natural besonders in öffentlicher Verwaltung, Banken und Versicherungen im DACH-Raum etabliert, wo es bis heute geschäftskritische Anwendungen trägt.
Was bedeutet 4GL bei Natural?
4GL steht für Sprache der vierten Generation. Im Vergleich zu Sprachen der dritten Generation wie COBOL oder PL/I hebt eine 4GL die Abstraktionsebene an: Wiederkehrende Aufgaben wie Datenbankzugriffe und Bildschirmmasken sind in die Sprache eingebaut, sodass sich dieselbe fachliche Aufgabe mit weniger Code ausdrücken lässt. Bei Natural ist diese Abstraktion eng auf die Datenbank Adabas und ein transaktionsorientiertes Betriebsmodell zugeschnitten, was die Produktivität im Kernbereich erhöht, die Sprache aber zugleich zum Spezialwerkzeug macht.
Wie hängen Natural und Adabas zusammen?
Natural und Adabas bilden ein aufeinander abgestimmtes Gespann. Adabas ist eine hochperformante, nicht-relationale Datenbank der Software AG, und Natural greift direkt und effizient auf deren Datenstrukturen zu. In der Praxis treten beide Produkte fast immer gemeinsam auf, und Entscheidungen über die Zukunft der Natural-Anwendungen betreffen fast immer auch Adabas. Diese enge Kopplung ist die Quelle der Effizienz im Betrieb, aber auch ein wesentlicher Grund für die strategische Abhängigkeit vom Anbieter.
Ist Natural veraltet?
Das kommt auf die Perspektive an. Technisch laufen Natural-Systeme in ihrem Umfeld oft sehr stabil und tragen geschäftskritische Prozesse zuverlässig – in diesem Sinn sind sie nicht veraltet, sondern bewährt. Strategisch gilt Natural jedoch als Legacy, weil das Fachkräfteangebot schrumpft, die Anbieterbindung stark ist und die Integration in moderne, offene Architekturen aufwendig ist. Für Neuentwicklungen ist Natural daher selten die naheliegende Wahl, während der Weiterbetrieb bestehender Kernsysteme durchaus sinnvoll sein kann.
Natural oder COBOL – wo liegt der Unterschied?
COBOL ist eine Sprache der dritten Generation, herstellerübergreifend verbreitet und nicht an eine bestimmte Datenbank gebunden. Natural ist eine 4GL, die kompakteren Code liefert, aber eng an die Datenbank Adabas und den Anbieter Software AG gekoppelt ist. COBOL-Bestände profitieren von einem größeren, wenn auch alternden Fachkräftepool und breiteren Betriebsoptionen; Natural-Bestände sind kompakter und effizient, aber stärker gebunden. In gewachsenen Rechenzentren treten beide oft nebeneinander auf.
Natural oder ABAP?
Beide sind produktnahe Sprachen mit starker Anbieterbindung: ABAP an die SAP-Welt, Natural an das Ökosystem der Software AG. Der entscheidende Unterschied ist die Marktstellung. ABAP profitiert von der enormen Verbreitung von SAP und einem großen Fachkräftepool, während Natural eine deutlich kleinere, spezialisiertere Nische bedient. Anbieterbindung ist in beiden Fällen gegeben, wiegt bei Natural aber schwerer, weil die zugehörige Community kleiner und rückläufig ist.
Auf welchen Plattformen läuft Natural?
Historisch ist Natural eine Mainframe-Technologie, etwa auf Großrechner-Betriebssystemen wie z/OS oder BS2000. Über die Jahre hat die Software AG Natural und Adabas zusätzlich auf offene Plattformen wie Unix, Linux und Windows gebracht, sodass Anwendungen nicht mehr zwingend an den Großrechner gebunden sind. Welche Plattformen in welchem Umfang unterstützt werden, hängt von der jeweiligen Produktversion ab und sollte anhand der offiziellen Dokumentation des Anbieters geprüft werden.
Was ist NaturalONE?
NaturalONE ist eine moderne Entwicklungsumgebung der Software AG, die auf einer verbreiteten Entwicklungsplattform basiert und zeitgemäßes Arbeiten mit Natural-Code ermöglicht – etwa komfortables Editieren, Navigieren und die Anbindung an moderne Versionsverwaltung. Sie löst die klassische, zeichenbasierte Entwicklung direkt auf dem Großrechner ab und erleichtert es, Natural-Bestände mit Arbeitsweisen zu pflegen, die auch jüngere Entwickler kennen. Der konkrete Funktionsumfang entwickelt sich mit den Produktversionen weiter.
Lohnt sich eine Migration weg von Natural?
Das hängt von der Kritikalität des Systems, den verfügbaren Fachkräften, dem Support-Status und dem Budget ab. Zwischen Weiterbetrieb, Plattformverlagerung, schrittweiser Modernisierung und vollständiger Neuentwicklung gibt es ein ganzes Spektrum. Wichtig ist, dass Migrationen oft aufwendiger sind als erwartet, weil im Code viel undokumentiertes Prozesswissen steckt und die enge Adabas-Kopplung auch das Datenmodell betrifft. Bewährt hat sich ein gestufter Ansatz: erst Bestand und Risiken verstehen, dann Betrieb absichern, dann gezielt modernisieren.
Was kostet Natural?
Natural ist ein kommerzielles, proprietäres Produkt der Software AG und wird im Rahmen von Lizenz- und Wartungsvereinbarungen genutzt – es ist kein kostenloses Open-Source-Projekt. Konkrete Preise, Lizenzmodelle und Wartungsbedingungen ändern sich fortlaufend und sind ausschließlich beim Anbieter zu erfragen. Diese Angaben sind eine fachliche Einordnung und keine Rechtsberatung; die vertragliche Bewertung gehört in die Hände fachkundiger rechtlicher Begleitung.

Natural-Bestand strategisch steuern

Brauchen Sie eine ehrliche Legacy-Strategie?

Wir prüfen herstellerunabhängig, wie Sie mit Ihrem Natural- und Adabas-Bestand umgehen sollten: Bestandsaufnahme und Risiken, Support-Status und Anbieterbindung, Sicherung von Fachwissen, Betrieb und Governance sowie ein realistischer Modernisierungspfad – pragmatisch auf Mittelstand und öffentliche Verwaltung zugeschnitten und mit ehrlichem Blick auf COBOL, PL/I und ABAP im Vergleich.

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