Wissensdatenbank · KI-Strategie, Ethik & Compliance

KI Red Teaming – KI-Systeme systematisch auf Schwachstellen testen.

KI Red Teaming ist die strukturierte, gegnerisch denkende Prüfung von KI-Systemen: Ein Team versetzt sich bewusst in die Rolle eines Angreifers oder einer Missbrauchssituation, um Schwachstellen bei Sicherheit, Safety, Fairness, Robustheit und Datenschutz aufzudecken – bevor es reale Nutzer, Kund:innen oder Angreifer tun. Dieser Fachartikel erklärt Methodik, Vorgehensmodell, Rollen und den Bezug zu EU AI Act und NIST AI RMF – defensiv, prozessorientiert und ausdrücklich keine Rechtsberatung.

23 Min. Lesezeit
Aktualisiert · Juli 2026
Fachartikel · Expertenbeitrag
KI Red Teaming
Defensives Testverfahren · KI-Qualitätssicherung
Typ
Test- & Prüfmethode
Ziel
Schwachstellen aufdecken
Ansatz
Gegnerisch, defensiv
Dimensionen
Security, Safety, Fairness
Bezug
EU AI Act, NIST AI RMF
Hinweis
Keine Rechtsberatung
Relevanz für KI-nutzende Unternehmen
Kapitel 01 · Überblick

Was ist KI Red Teaming – und warum brauchen Sie es?

KI Red Teaming bezeichnet das systematische, absichtlich gegnerisch denkende Testen von KI-Systemen, um Schwachstellen, Fehlverhalten und Risiken aufzudecken, bevor sie im echten Betrieb Schaden anrichten. Der Begriff stammt aus der Militär- und Sicherheitswelt, wo ein „rotes Team“ die Rolle des Angreifers übernimmt, während ein „blaues Team“ verteidigt. Auf KI übertragen bedeutet das: Statt nur zu prüfen, ob ein System das Erwünschte tut, prüft man gezielt, wie es sich zum Unerwünschten bewegen lässt.

Der entscheidende Perspektivwechsel gegenüber klassischer Qualitätssicherung ist die Angreiferbrille. Herkömmliche Tests fragen: „Funktioniert die Funktion wie spezifiziert?“ Red Teaming fragt: „Unter welchen Bedingungen bricht das Verhalten, umgeht jemand die Schutzmechanismen, oder produziert das System schädliche, verzerrte oder rechtlich problematische Ergebnisse?“ Bei KI-Systemen – insbesondere bei generativen Modellen und lernenden Verfahren – ist dieser Blick besonders wichtig, weil ihr Verhalten nicht vollständig durch Regeln festgelegt, sondern statistisch aus Daten abgeleitet ist. Ein solches System kann in seltenen, aber kritischen Fällen anders reagieren, als seine Entwickler:innen erwarten.
Wichtig ist von Anfang an die Einordnung: Dieser Beitrag betrachtet Red Teaming ausschließlich als defensive Qualitäts- und Sicherheitsmaßnahme. Es geht darum, die eigenen Systeme im autorisierten Rahmen zu härten – nicht darum, fremde Systeme anzugreifen oder funktionsfähige Angriffe zu entwickeln. Der Wert liegt in der Methodik: einem strukturierten Prozess, der Risiken sichtbar, dokumentierbar und behebbar macht. Konkrete, wiederverwendbare Angriffstechniken sind bewusst nicht Gegenstand dieses Artikels.
INAGRO-Einschätzung

Der häufigste Irrtum lautet: „Red Teaming ist etwas für große KI-Labore.“ Tatsächlich profitiert gerade der Mittelstand davon, denn er setzt zunehmend generative KI in Kundenservice, Wissensmanagement und Dokumentenverarbeitung ein – oft ohne zu wissen, wie diese Systeme unter Druck reagieren. Ein strukturierter, gut dokumentierter Red-Teaming-Prozess muss nicht groß sein, um Wirkung zu entfalten. Er muss vor allem systematisch, wiederholbar und ehrlich sein.

Der Ursprung: vom Militär zur KI-Sicherheit

Das Prinzip des Red Teaming ist deutlich älter als generative KI. In Militär, Nachrichtendiensten und später in der IT-Sicherheit war das „rote Team“ stets die Instanz, die absichtlich die Perspektive des Gegners einnahm, um blinde Flecken der Verteidigung zu finden. In der klassischen Cybersicherheit ist Red Teaming eine etablierte Disziplin, bei der ein autorisiertes Team realistische Angriffsszenarien durchspielt, um die Widerstandsfähigkeit einer Organisation zu prüfen. KI Red Teaming überträgt diese Denkweise auf ein neues Objekt: nicht Netzwerke und Server, sondern Modelle, Datenpipelines und KI-gestützte Anwendungen.
Der Unterschied zum klassischen IT-Kontext liegt im Prüfobjekt selbst. Ein KI-Modell hat keine feste, vollständig einsehbare Logik, sondern ein aus Daten gelerntes Verhalten. Deshalb reicht es nicht, technische Schnittstellen zu prüfen – man muss auch das inhaltliche Verhalten testen: Welche Ausgaben erzeugt das System, wenn man es geschickt in die Enge treibt, mehrdeutig anspricht oder mit ungewöhnlichen Eingaben konfrontiert? Genau diese Verbindung aus technischer und inhaltlicher Prüfung macht KI Red Teaming zu einer eigenständigen Disziplin.

Warum reine Funktionstests nicht genügen

Ein KI-System, das im Demo-Betrieb überzeugt, kann im Realbetrieb an Rändern versagen, die im normalen Test nie berührt wurden. Ein Kundenservice-Assistent etwa kann bei höflichen Standardfragen einwandfrei arbeiten und dennoch bei manipulativ formulierten oder emotional aufgeladenen Eingaben Aussagen treffen, die unternehmensschädigend, diskriminierend oder schlicht falsch sind. Solche Fälle tauchen in klassischen Testfällen selten auf, weil diese das erwartbare Verhalten prüfen – nicht das Verhalten unter absichtlichem Druck.
Genau hier setzt Red Teaming an. Es füllt die Lücke zwischen „funktioniert im Normalfall“ und „hält auch dem Missbrauch, dem Grenzfall und dem gezielten Umgehungsversuch stand“. Für Unternehmen ist das mehr als eine technische Übung: Es ist ein Baustein verantwortungsvoller KI-Einführung, der eng mit Themen wie Qualitätssicherung, Fairness und Vertrauenswürdigkeit verzahnt ist – und der, wie die folgenden Kapitel zeigen, zunehmend auch regulatorisch an Bedeutung gewinnt.
Kapitel 02 · Abgrenzung

Abgrenzung: Red Teaming, Penetrationstest und klassische QA

KI Red Teaming wird oft mit klassischem Penetrationstest oder mit gewöhnlicher Qualitätssicherung verwechselt. Die drei Disziplinen überschneiden sich, verfolgen aber unterschiedliche Ziele und Denkweisen. Wer sie sauber unterscheidet, plant Testaufwand gezielter – und vermeidet die Illusion, ein bestandener QA-Durchlauf mache Red Teaming überflüssig.

Merkmal Klassische QA / Testing Penetrationstest KI Red Teaming
Leitfrage Tut es, was spezifiziert ist? Ist die IT-Infrastruktur angreifbar? Lässt sich das KI-Verhalten zum Schaden verbiegen?
Prüfobjekt Funktionen, Anforderungen Netzwerke, Systeme, Schnittstellen Modell, Prompts, Daten, KI-Anwendung
Denkweise Spezifikationsorientiert Angreiferorientiert, technisch Angreiferorientiert, inhaltlich & technisch
Typische Befunde Bugs, Abweichungen Sicherheitslücken, Fehlkonfigurationen Umgehungen, schädliche Ausgaben, Verzerrungen
Ergebnis Fehlerliste Schwachstellenbericht Risikobericht mit Härtungsmaßnahmen

Klassische QA: notwendig, aber nicht hinreichend

Qualitätssicherung im klassischen Sinn prüft, ob ein System die definierten Anforderungen erfüllt. Bei KI-Systemen umfasst das etwa die Messung von Genauigkeit, das Prüfen erwarteter Antworten und das Absichern von Standardabläufen. Diese Arbeit ist unverzichtbar – ohne solide QA gibt es kein belastbares Fundament. Aber sie prüft im Kern das erwartbare Verhalten. Sie stellt sicher, dass das System das Richtige tut, wenn es korrekt und gutwillig bedient wird.
Red Teaming ergänzt diese Sicht um das Unerwartete und das Böswillige. Es geht nicht darum, ob eine Funktion korrekt arbeitet, sondern darum, ob und wie sich das System unter absichtlichem Druck, mit ungewöhnlichen Eingaben oder in Grenzsituationen fehlverhält. Beide Disziplinen sind komplementär: QA legt das Fundament, Red Teaming testet die Belastbarkeit. Wer nur QA betreibt, übersieht systematisch genau jene Risiken, die im Ernstfall am teuersten werden. Eine weiterführende Perspektive auf strukturierte KI-Qualitätssicherung liefert unser Beitrag zur KI-QS in Kategorie 35.

Penetrationstest: verwandt, aber enger gefasst

Ein Penetrationstest prüft die technische Angreifbarkeit von IT-Systemen: Server, Netzwerke, Schnittstellen, Zugriffsrechte. KI Red Teaming teilt die angreiferorientierte Denkweise, richtet den Blick aber zusätzlich auf das Verhalten des Modells und die inhaltliche Ebene. Ein Penetrationstest könnte etwa aufdecken, dass eine Schnittstelle unzureichend authentifiziert ist. Red Teaming würde ergänzend prüfen, ob sich das Modell dahinter zu problematischen Ausgaben bewegen lässt, ob es sensible Trainingsinhalte preisgibt oder ob seine Schutzmechanismen durch geschickt formulierte Eingaben ausgehebelt werden können.
In der Praxis überlappen sich beide bei KI-gestützten Anwendungen. Eine vollständige Absicherung betrachtet die klassische Infrastruktur (Pentest-Perspektive) ebenso wie das KI-spezifische Verhalten (Red-Teaming-Perspektive). Deshalb ist es sinnvoll, beide Disziplinen zu kombinieren, statt sie gegeneinander auszuspielen – gerade dort, wo eine KI-Anwendung mit sensiblen Daten oder kritischen Entscheidungen verbunden ist.
Einordnung

Die drei Disziplinen bilden eine Kette: QA sichert das erwartete Verhalten, der Penetrationstest die technische Infrastruktur, das Red Teaming das KI-spezifische Verhalten unter gegnerischen Bedingungen. Kein Glied ersetzt das andere. Ein bestandener QA-Durchlauf ist kein Nachweis von Robustheit gegen Missbrauch – und ein sauberer Pentest sagt wenig darüber aus, wie sich ein Sprachmodell inhaltlich verhält.

Kapitel 03 · Testdimensionen

Die fünf Testdimensionen im KI Red Teaming

Red Teaming ist kein monolithischer Test, sondern die Untersuchung mehrerer Risikodimensionen. In der Praxis haben sich fünf zentrale Blickwinkel bewährt: Sicherheit, Safety, Bias/Fairness, Robustheit und Datenschutz. Jede Dimension beleuchtet eine andere Art von Schwachstelle – und erst zusammen ergeben sie ein realistisches Risikobild.

Sicherheit (Security)
Security

Kann jemand Schutzmechanismen umgehen, das System zu unerwünschtem Verhalten bewegen oder es über manipulierte Eingaben missbrauchen? Hier geht es um die Widerstandsfähigkeit gegen gezielte Manipulation.

FokusManipulation
BeispielrisikoUmgehung von Regeln
BezugPrompt Injection
Safety
Safety

Erzeugt das System schädliche, gefährliche oder unangemessene Inhalte? Safety betrachtet die inhaltliche Unbedenklichkeit der Ausgaben und den Schutz von Nutzer:innen vor Schaden.

FokusSchädliche Inhalte
BeispielrisikoGefährliche Ausgaben
BezugContent-Guardrails
Bias & Fairness
Fairness

Behandelt das System bestimmte Gruppen systematisch unterschiedlich? Diese Dimension prüft auf Verzerrungen, Diskriminierung und unfaire Ergebnisverteilungen in den Ausgaben.

FokusVerzerrung
BeispielrisikoDiskriminierung
BezugBias & Fairness
Robustheit
Robustness

Wie stabil verhält sich das System bei ungewöhnlichen, verrauschten oder gezielt gestörten Eingaben? Robustheit misst die Zuverlässigkeit jenseits der sauberen Standardfälle.

FokusStabilität
BeispielrisikoFehlverhalten am Rand
BezugDatenqualität

Sicherheit und Safety: zwei verwandte, aber verschiedene Ziele

Im Deutschen verschwimmen „Sicherheit“ und „Safety“ leicht, im Red Teaming sind sie klar getrennt. Security fragt: Kann ein böswilliger Akteur das System zu unerwünschtem Verhalten bewegen? Dazu gehört etwa, ob sich Schutzanweisungen aushebeln oder eingebaute Regeln umgehen lassen. Ein prominentes Feld ist hier die Prompt Injection, bei der über manipulierte Eingaben versucht wird, das beabsichtigte Verhalten eines Sprachmodells zu überschreiben – ein Thema, das wir in Kategorie 35 gesondert vertiefen.
Safety hingegen fragt: Kann das System – auch ohne böse Absicht des Nutzers – schädliche, gefährliche oder unangemessene Inhalte erzeugen? Hier geht es um den Schutz von Menschen vor problematischen Ausgaben, etwa gefährlichen Anleitungen, Falschinformationen mit Schadenspotenzial oder unangemessenen Inhalten. Beide Dimensionen greifen ineinander: Ein Security-Vorfall kann in ein Safety-Problem münden, wenn eine umgangene Schutzregel zu einer gefährlichen Ausgabe führt.

Bias, Robustheit und Datenschutz

Bias und Fairness untersuchen, ob ein KI-System bestimmte Personengruppen systematisch benachteiligt – etwa bei der Bewertung von Bewerbungen, der Priorisierung von Anfragen oder der Formulierung von Empfehlungen. Solche Verzerrungen entstehen oft unbeabsichtigt aus den Trainingsdaten und sind ohne gezieltes Testen schwer zu erkennen. Red Teaming prüft hier mit strukturierten Szenarien, ob sich in den Ausgaben Muster unfairer Behandlung zeigen. Für die methodische Tiefe verweisen wir auf unseren Beitrag zu Bias und Fairness.
Robustheit betrachtet die Stabilität des Verhaltens: Wie reagiert das System auf verrauschte, unvollständige, ungewöhnlich formulierte oder gezielt gestörte Eingaben? Ein robustes System bleibt auch am Rand seines Erfahrungsbereichs zuverlässig oder erkennt zumindest, dass es unsicher ist. Die fünfte Dimension, der Datenschutz, prüft, ob das System sensible oder personenbezogene Informationen preisgibt – etwa Fragmente aus Trainingsdaten, interne Anweisungen oder Daten anderer Nutzer:innen. Gerade diese Dimension verbindet Red Teaming eng mit der DSGVO, worauf Kapitel 09 näher eingeht.
Praxis-Hinweis

Nicht jedes System muss in allen fünf Dimensionen gleich intensiv getestet werden. Ein internes Analysewerkzeug ohne Personenbezug hat einen anderen Schwerpunkt als ein kundenorientierter Chatbot, der personenbezogene Daten verarbeitet. Die Kunst besteht darin, die Testdimensionen risikobasiert zu gewichten – dazu dient das Threat Modeling im Vorgehensmodell des nächsten Kapitels.

Kapitel 04 · Vorgehensmodell

Das Vorgehensmodell: von Scoping bis Reporting

Guter Red-Teaming-Wert entsteht nicht durch spontanes Ausprobieren, sondern durch einen strukturierten Prozess. Bewährt hat sich ein Ablauf in fünf Phasen: Scoping, Threat Modeling, Durchführung, Bewertung und Reporting. Dieser Prozess macht die Ergebnisse nachvollziehbar, wiederholbar und – entscheidend – behebbar.

01
Scoping: Ziel und Grenzen festlegen
Was genau wird getestet, mit welchem Ziel und in welchem Rahmen? In dieser Phase werden Prüfobjekt, relevante Testdimensionen, erlaubte und verbotene Aktivitäten, Testumgebung und Abbruchkriterien festgelegt. Ein schriftlicher, autorisierter Scope ist die Grundlage jeder seriösen Red-Teaming-Übung – ohne ihn fehlt die rechtliche und organisatorische Absicherung.
02
Threat Modeling: Bedrohungen strukturieren
Wer könnte das System aus welchem Motiv missbrauchen, und welche Folgen hätte das? Das Threat Modeling identifiziert relevante Akteure, Missbrauchsszenarien und schützenswerte Werte. Es priorisiert, welche Testdimensionen für dieses konkrete System besonders wichtig sind, und leitet daraus konkrete Prüfhypothesen ab – etwa „Das System könnte bei bestimmten Eingaben personenbezogene Daten offenlegen“.
03
Durchführung: strukturiert probieren
Nun werden die Prüfhypothesen systematisch getestet – manuell, automatisiert oder kombiniert. Wichtig ist die saubere Protokollierung: Welche Eingaben wurden verwendet, welche Reaktionen zeigte das System, unter welchen Bedingungen trat welches Verhalten auf? Diese Dokumentation ist die Grundlage für Reproduzierbarkeit und spätere Behebung.
04
Bewertung: Befunde einordnen
Jeder Befund wird nach Schweregrad, Eintrittswahrscheinlichkeit und potenzieller Auswirkung bewertet. Nicht jedes auffällige Verhalten ist gleich kritisch. Eine nachvollziehbare Priorisierung sorgt dafür, dass begrenzte Ressourcen zuerst auf die gefährlichsten Schwachstellen gelenkt werden – statt auf das, was zufällig zuerst gefunden wurde.
05
Reporting: verständlich berichten
Der Abschlussbericht fasst Befunde, Bewertung und empfohlene Härtungsmaßnahmen zusammen – adressatengerecht für Technik und Management. Entscheidend ist die Verbindung zur Behebung: Ein Red-Teaming-Bericht ohne konkrete Maßnahmenempfehlungen und ohne Nachverfolgung bleibt wirkungslos. Idealerweise mündet er in einen Re-Test der behobenen Punkte.

Scoping und Autorisierung: der oft unterschätzte Anfang

Die wichtigste und zugleich am häufigsten vernachlässigte Phase ist das Scoping. Bevor irgendetwas getestet wird, muss klar sein, was geprüft werden darf, mit welchen Mitteln, in welcher Umgebung und mit wessen ausdrücklicher Autorisierung. Ohne diesen Rahmen droht Red Teaming ins Beliebige abzugleiten – oder rechtliche und betriebliche Probleme zu verursachen. Ein guter Scope grenzt insbesondere ab, ob in einer Testumgebung oder am Produktivsystem geprüft wird, welche Daten verwendet werden dürfen und wann ein Test abzubrechen ist.
Die Autorisierung sollte immer schriftlich und von einer entscheidungsbefugten Stelle erfolgen. Das schützt nicht nur die Organisation, sondern auch das Red Team selbst: Wer im klar definierten, autorisierten Rahmen arbeitet, bewegt sich auf sicherem Grund. Werden externe Dienstleister eingebunden, gehört die Autorisierung samt Verschwiegenheits- und Datenschutzvereinbarungen in einen sauberen Vertrag.

Threat Modeling: die Brille des Angreifers strukturieren

Das Threat Modeling übersetzt die diffuse Frage „Was könnte schiefgehen?“ in konkrete, testbare Hypothesen. Dazu betrachtet man systematisch die relevanten Missbrauchsakteure – vom neugierigen Nutzer über den unzufriedenen Kunden bis zum gezielt böswilligen Dritten – und die Werte, die geschützt werden müssen: personenbezogene Daten, Reputation, Geschäftsgeheimnisse, die Unversehrtheit von Entscheidungen. Aus dieser Betrachtung ergibt sich, welche Testdimensionen für das konkrete System Priorität haben.
Ein gutes Threat Model ist kein akademisches Dokument, sondern eine praktische Landkarte. Es hält fest, welche Szenarien realistisch und folgenreich sind, und lenkt die begrenzte Testzeit dorthin, wo sie den größten Erkenntnisgewinn bringt. So wird aus einem potenziell endlosen „Wir probieren mal alles“ ein zielgerichteter, begründbarer Prüfplan.
Wichtig zum Prozess

Red Teaming ist kein einmaliges Projekt, sondern ein wiederkehrender Zyklus. Modelle werden aktualisiert, Anwendungen erweitert, neue Missbrauchsmuster entstehen. Ein Befund, der heute behoben ist, kann nach einem Modell-Update erneut auftreten. Planen Sie Red Teaming deshalb als wiederholbaren Prozess mit klarer Nachverfolgung, nicht als abgeschlossene Aufgabe.

Kapitel 05 · Manuell vs. Automatisiert

Manuelles und automatisiertes Red Teaming im Zusammenspiel

Red Teaming lässt sich grob in zwei Ansätze unterteilen: das manuelle, kreative Testen durch Menschen und das automatisierte, skalierbare Testen durch Werkzeuge. Beide haben Stärken und Grenzen – die überzeugendsten Programme kombinieren sie. Die folgende Darstellung bleibt bewusst qualitativ und herstellerneutral; konkrete Produktnamen sind zweitrangig gegenüber dem methodischen Verständnis.

Stärken
  • Kreativität und Intuition: Menschen finden unerwartete, kontextabhängige Schwachstellen, die kein Skript vorhersieht.
  • Kontextverständnis: Domänenwissen erlaubt es, branchen- und unternehmensspezifische Missbrauchsszenarien zu erkennen.
  • Bewertung von Nuancen: Menschen beurteilen, ob eine Ausgabe tatsächlich schädlich, verzerrt oder unangemessen ist.
  • Neue Muster: Manuelles Testen entdeckt Angriffsklassen, die noch in keinem automatisierten Katalog stehen.
Einschränkungen
  • Skaliert schlecht: Menschliche Prüfung ist zeit- und kostenintensiv und deckt nur begrenzte Mengen an Fällen ab.
  • Nicht vollständig reproduzierbar: Ergebnisse hängen von der prüfenden Person ab.
  • Abdeckungslücken: Was niemand ausprobiert, bleibt unentdeckt.
  • Ermüdung: Bei großen Testmengen sinkt die Aufmerksamkeit, was zu übersehenen Befunden führen kann.

Automatisiertes Red Teaming: Skalierung und Wiederholbarkeit

Automatisierte Ansätze nutzen Werkzeuge, um große Mengen an Testfällen systematisch und wiederholbar durchzuspielen. Der große Vorteil liegt in der Skalierbarkeit: Was ein Mensch in Stunden prüft, lässt sich automatisiert in weit größerem Umfang und regelmäßig wiederholen – etwa nach jedem Modell-Update. Automatisierung eignet sich besonders für die Regressionsprüfung: Bereits gefundene Schwachstellen können immer wieder getestet werden, um sicherzustellen, dass sie behoben bleiben.
Qualitativ lassen sich automatisierte Werkzeuge grob in Kategorien einordnen: Es gibt Frameworks, die strukturierte Testkataloge über eine KI-Anwendung ausführen; Ansätze, bei denen ein Modell genutzt wird, um Testfälle gegen ein anderes Modell zu generieren; sowie Bewertungs- und Benchmark-Werkzeuge, die Ausgaben nach definierten Kriterien einordnen. Im Open-Source- wie im kommerziellen Umfeld existiert eine wachsende Landschaft solcher Werkzeuge. Für den Mittelstand ist weniger die Wahl eines bestimmten Produkts entscheidend als die Frage, ob das gewählte Werkzeug zum eigenen Risikoprofil, zur Systemlandschaft und zu den vorhandenen Kompetenzen passt.

Warum die Kombination gewinnt

Die entscheidende Erkenntnis lautet: Manuell und automatisiert sind keine Alternativen, sondern Ergänzungen. Automatisierung sorgt für Breite und Wiederholbarkeit – sie deckt systematisch bekannte Risikoklassen ab und hält sie unter Kontrolle. Manuelles Red Teaming sorgt für Tiefe und Kreativität – es entdeckt neue, kontextspezifische Schwachstellen, die automatisierte Kataloge noch nicht kennen. Neue manuelle Funde können anschließend in automatisierte Tests überführt werden, sodass die Regressionsprüfung mitwächst.
Für viele mittelständische Unternehmen ist ein pragmatischer Einstieg sinnvoll: eine überschaubare automatisierte Grundprüfung für die wichtigsten Risikoklassen, ergänzt durch gezielte manuelle Sitzungen für die kritischsten Anwendungsfälle. So entsteht ein belastbares Grundniveau, das mit steigender KI-Nutzung ausgebaut werden kann.
INAGRO-Einschätzung

Aus unserer Projektpraxis: Der häufigste Fehler ist, sich allein auf ein automatisiertes Werkzeug zu verlassen und daraus falsche Sicherheit abzuleiten. Ein Werkzeug prüft nur, was es kennt. Ohne die menschliche, kreative Prüfung bleiben genau jene neuartigen Schwachstellen unentdeckt, die im Ernstfall am gefährlichsten sind. Werkzeuge sind ein Multiplikator für gute Methodik – kein Ersatz für sie.

Kapitel 06 · Rollen & Ethik

Rollen, Team und Ethik-Regeln

Red Teaming ist so gut wie das Team, das es trägt, und so verantwortungsvoll wie die Regeln, die es einrahmen. Wer testet, mit welchem Mandat, und wo verlaufen die roten Linien? Klare Rollen und verbindliche Ethik-Regeln sind kein Beiwerk, sondern die Voraussetzung dafür, dass Red Teaming defensiv, legal und vertrauenswürdig bleibt.

Im klassischen Bild stehen sich zwei Farben gegenüber: Das Red Team nimmt die Angreiferperspektive ein und sucht Schwachstellen; das Blue Team verteidigt, härtet und behebt. In vielen Organisationen hat sich zusätzlich das Bild des Purple Teaming etabliert – ein enges Zusammenspiel beider Seiten, bei dem Erkenntnisse des Red Teams unmittelbar in Verbesserungen des Blue Teams münden. Für den Mittelstand ist genau dieses kooperative Modell oft am wirkungsvollsten: Es geht nicht um einen Wettkampf, sondern um gemeinsames Härten.

Wer gehört ins Red Team?

Ein wirksames Red Team ist selten monodisziplinär. Idealerweise vereint es mehrere Perspektiven: technisches Verständnis der KI-Systeme, Domänenwissen aus dem jeweiligen Fachbereich, ein Gespür für Sicherheitsfragen sowie – gerade bei Bias und Safety – Sensibilität für gesellschaftliche und ethische Dimensionen. Diversität im Team ist dabei kein Selbstzweck: Unterschiedliche Hintergründe finden unterschiedliche Schwachstellen. Ein Team, das nur aus einer Perspektive besteht, hat systematische blinde Flecken.
Für kleinere Organisationen bedeutet das nicht, sofort ein großes internes Team aufzubauen. Oft genügt eine kleine, interdisziplinäre Gruppe, ergänzt um externe Expertise für die kritischsten Prüfungen. Entscheidend ist, dass die Menschen, die testen, unabhängig genug von den Menschen sind, die das System gebaut haben – sonst besteht die Gefahr, dass man die eigenen blinden Flecken einfach reproduziert.

Ethik-Regeln: die roten Linien des Red Teaming

Gerade weil Red Teaming bewusst die Angreiferperspektive einnimmt, braucht es verbindliche ethische Leitplanken. Ohne sie droht die Übung, selbst zum Risiko zu werden. Zu den zentralen Regeln defensiven Red Teaming gehören:
  • Autorisierung zwingend: Getestet wird ausschließlich, was ausdrücklich und schriftlich freigegeben ist – niemals fremde Systeme ohne Erlaubnis.
  • Klarer Rahmen: Der im Scoping definierte Umfang ist verbindlich; Tests bleiben in der vereinbarten Umgebung und brechen bei definierten Kriterien ab.
  • Datenschutz wahren: Personenbezogene und sensible Daten werden nur im zulässigen Rahmen und datensparsam verwendet; Funde werden vertraulich behandelt.
  • Kein realer Schaden: Ziel ist das Aufdecken von Schwachstellen, nicht deren Ausnutzung. Es werden keine funktionsfähigen Angriffe verbreitet.
  • Verantwortungsvolle Offenlegung: Befunde werden intern verantwortlich kommuniziert und behoben, bevor über sie breit gesprochen wird.
  • Fürsorge fürs Team: Wer wiederholt schädliche oder belastende Inhalte prüft, braucht Schutz und Entlastung – das gilt besonders für Safety-Prüfungen.
Verantwortungsvoller Rahmen

Defensives Red Teaming lebt vom Vertrauen: Die Organisation vertraut dem Team, dass es im vereinbarten Rahmen bleibt und Funde verantwortungsvoll behandelt. Deshalb gehören Autorisierung, Verschwiegenheit und ein klarer Umgang mit sensiblen Ergebnissen von Anfang an schriftlich fixiert. Ob eine konkrete Prüfung datenschutzrechtlich zulässig ist, sollte im Zweifel mit einer Fachjurist:in geklärt werden – dies ist keine Rechtsberatung.

Kapitel 07 · AI Act, NIST & GPAI

Regulatorischer Bezug: EU AI Act, NIST AI RMF und GPAI

Red Teaming ist längst nicht mehr nur eine freiwillige Best Practice. Es verzahnt sich zunehmend mit regulatorischen Anforderungen und Rahmenwerken – vom EU AI Act über das NIST AI Risk Management Framework bis zu den Pflichten für General-Purpose-AI. Die folgende Darstellung ist eine sachliche Orientierung und ersetzt keine rechtliche Prüfung im Einzelfall.

Der EU AI Act – die Verordnung (EU) 2024/1689 – verlangt für Hochrisiko-KI-Systeme nach aktuellem Stand unter anderem ein Risikomanagementsystem sowie ein angemessenes Niveau an Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit. Red Teaming ist zwar nicht in jedem Kontext ausdrücklich als „Red Teaming“ benannt, es liefert aber genau die Art von Nachweis, die für diese Anforderungen relevant ist: strukturierte Tests, die belegen, dass ein System auf Schwachstellen geprüft und gehärtet wurde. Vertiefende Informationen zum Rechtsrahmen finden Sie in unserem Beitrag zum EU AI Act innerhalb dieser Kategorie.

NIST AI Risk Management Framework als Struktur

International einflussreich ist das NIST AI Risk Management Framework (AI RMF), ein freiwilliges Rahmenwerk aus den USA, das den verantwortungsvollen Umgang mit KI-Risiken strukturiert. Es organisiert die Arbeit entlang von Funktionen wie dem Erkennen, Messen und Steuern von Risiken sowie einer übergreifenden Governance. Red Teaming lässt sich hier klar verorten: Es ist eine Methode, um KI-Risiken zu identifizieren und zu messen, und liefert damit Eingangsgrößen für das Risikomanagement. Für Unternehmen, die ohnehin ein Managementsystem für KI aufbauen, ist das AI RMF eine hilfreiche Landkarte, in die sich Red Teaming einfügt.
Ähnlich verhält es sich mit Managementnormen wie der ISO/IEC 42001 für KI-Managementsysteme: Sie schreiben kein bestimmtes Testverfahren vor, verlangen aber systematische Risikobetrachtung, Kontrollen und kontinuierliche Verbesserung. Red Teaming ist eine der Praktiken, mit denen sich diese Anforderungen konkret ausfüllen lassen. Wer eine strukturierte KI-Governance betreibt, kann Red Teaming als festen Baustein darin verankern.

GPAI: Red Teaming bei Basismodellen

Eine Besonderheit ergibt sich für General-Purpose-AI-Modelle (GPAI) – also breit einsetzbare Basismodelle. Für GPAI-Modelle, insbesondere solche mit systemischem Risiko, sieht der EU AI Act nach aktuellem Stand zusätzliche Pflichten vor, etwa zur Modellbewertung und zum Management systemischer Risiken. In diesem Zusammenhang wird adversariales Testen – also Red Teaming – als eine Methode diskutiert, um solche Modelle vor und während ihres Einsatzes auf Risiken zu prüfen. Für die meisten mittelständischen Unternehmen ist jedoch die Perspektive des nachgelagerten Nutzers relevanter: Wer ein GPAI-Modell in eigene Anwendungen integriert, sollte die vom Anbieter bereitgestellten Sicherheitsinformationen auswerten und die eigene Anwendung – nicht das Basismodell selbst – gezielt einem Red Teaming unterziehen.
Hinweis zum Rechtsbezug

Ob und in welchem Umfang Red Teaming im konkreten Fall regulatorisch gefordert oder empfohlen ist, hängt von der Rolle Ihres Unternehmens, der Risikoklasse des Systems und der weiteren Konkretisierung der Vorgaben ab. Die hier genannten Zusammenhänge sind „nach aktuellem Stand“ zu verstehen und können sich durch Leitlinien und Normen weiter präzisieren. Die Bewertung im Einzelfall gehört in fachjuristische Hände – dies ist keine Rechtsberatung.

Kapitel 08 · Umsetzung im Mittelstand

Umsetzung im Mittelstand: extern, intern oder hybrid?

Für den Mittelstand stellt sich weniger die Frage, ob Red Teaming sinnvoll ist, als vielmehr, wie es realistisch umgesetzt wird. Selbst aufbauen, extern einkaufen oder kombinieren? Die Antwort hängt von Risikoprofil, Ressourcen und Reifegrad ab. Dieser Abschnitt liefert eine pragmatische Orientierung, keine rechtliche Beratung.

Aspekt Internes Red Teaming Externes Red Teaming
Kontextwissen Hoch – kennt System und Domäne Muss aufgebaut werden
Unabhängigkeit Gefahr blinder Flecken Frischer, unvoreingenommener Blick
Spezialkompetenz Muss entwickelt werden Gebündelte Erfahrung
Kontinuität Dauerhaft verfügbar Punktuell, projektbezogen
Kostenprofil Aufbau & laufende Bindung Projektkosten, planbar
Vertraulichkeit Bleibt im Haus Vertraglich abzusichern

Der pragmatische Einstieg für kleinere Organisationen

Viele mittelständische Unternehmen tun sich schwer, ein vollwertiges internes Red Team aufzubauen – und müssen das auch nicht. Ein realistischer Einstieg besteht aus drei Bausteinen. Erstens: eine interne Grundfähigkeit, bei der eine kleine, interdisziplinäre Gruppe die eigenen KI-Anwendungen mit einfachen, strukturierten Tests regelmäßig prüft. Zweitens: externe Expertise für die kritischsten Systeme und für den Aufbau von Methodik, etwa in Form periodischer, tiefergehender Prüfungen. Drittens: eine klare Verankerung in der KI-Governance, damit Red Teaming nicht als einmalige Aktion verpufft, sondern wiederkehrender Bestandteil des KI-Lebenszyklus wird.
Dieser hybride Ansatz verbindet die Stärken beider Welten: das Kontextwissen der eigenen Leute mit dem unvoreingenommenen, spezialisierten Blick von außen. Gerade der Aufbau interner Methodik profitiert davon, wenn erfahrene Externe zunächst zeigen, wie strukturiertes Red Teaming abläuft, und das interne Team anschließend die Routineprüfungen übernimmt.

Wann externe Unterstützung besonders sinnvoll ist

Externe Unterstützung empfiehlt sich vor allem in drei Situationen. Erstens bei hohem Risiko: Wenn ein KI-System sensible Entscheidungen trifft, personenbezogene Daten in großem Umfang verarbeitet oder in einer regulierten Domäne eingesetzt wird, ist der unabhängige, erfahrene Blick besonders wertvoll. Zweitens beim Kompetenzaufbau: Wenn das eigene Team die Methodik erst lernen soll, ist eine begleitete erste Runde ein effizienter Weg. Drittens bei Nachweisbedarf: Wenn Auftraggeber, Partner oder interne Governance einen unabhängigen Nachweis der KI-Sicherheit verlangen, hat eine externe Prüfung mehr Gewicht als eine reine Selbstprüfung. In diesem Zusammenhang ist Red Teaming eng mit dem Thema KI-Audit verwandt.
Unabhängig von der Wahl gilt: Externe Prüfungen brauchen einen sauberen vertraglichen Rahmen mit Autorisierung, Verschwiegenheit und einer datenschutzkonformen Regelung des Datenzugriffs. Ob und wie personenbezogene Daten im Rahmen einer externen Prüfung verwendet werden dürfen, ist eine Frage des Einzelfalls und sollte mit einer Fachjurist:in geklärt werden – dies ist keine Rechtsberatung.
Praxis-Hinweis

Der wirtschaftlichste Weg für den Mittelstand ist selten „alles selbst“ oder „alles extern“, sondern das kluge Zusammenspiel: eine schlanke interne Routine für die Breite, gezielte externe Tiefe für die kritischsten Fälle. Wichtiger als die Größe des Programms ist seine Regelmäßigkeit – ein kleiner, konsequent wiederholter Prozess schlägt eine große, einmalige Aktion.

Kapitel 09 · Nutzen, Grenzen & DSGVO

Nutzen, Grenzen und der DSGVO-Bezug

Red Teaming ist wertvoll, aber kein Allheilmittel. Ein ehrlicher Blick auf Nutzen und Grenzen schützt vor überzogenen Erwartungen. Und weil Red Teaming häufig mit personenbezogenen Daten in Berührung kommt, verdient der DSGVO-Bezug besondere Aufmerksamkeit. Die folgenden Ausführungen sind sachlich und ersetzen keine rechtliche Prüfung.

Der Nutzen von Red Teaming liegt auf der Hand: Es macht Schwachstellen sichtbar, bevor reale Nutzer oder Angreifer sie finden. Es liefert dokumentierte Nachweise für Sorgfalt und Risikomanagement, die für Governance, Auftraggeber und regulatorische Anforderungen relevant sein können. Es stärkt das Vertrauen in KI-Systeme – intern wie extern – und trägt damit unmittelbar zu vertrauenswürdiger KI bei. Und es schafft Lernschleifen: Jeder Fund verbessert nicht nur das getestete System, sondern auch das Verständnis der Organisation für ihre KI-Risiken.

Die Grenzen ehrlich benennen

Ebenso wichtig ist es, die Grenzen zu kennen. Red Teaming kann Abwesenheit von Schwachstellen niemals beweisen – es kann nur zeigen, dass bestimmte Schwachstellen gefunden oder nicht gefunden wurden. Ein sauberer Bericht bedeutet nicht, dass ein System sicher ist, sondern dass die durchgeführten Tests keine weiteren Probleme aufgedeckt haben. Zudem ist Red Teaming eine Momentaufnahme: Ein System, das heute robust ist, kann nach einem Modell-Update, einer neuen Datenquelle oder einer geänderten Konfiguration neue Schwächen zeigen. Und schließlich hängt die Qualität stark von den Menschen und Methoden ab – ein oberflächliches Red Teaming vermittelt trügerische Sicherheit.
Daraus folgt kein Argument gegen Red Teaming, sondern ein Argument für seine richtige Einbettung: als wiederkehrender, ehrlich dokumentierter Prozess im Rahmen einer umfassenderen KI-Qualitäts- und Governance-Strategie, nicht als einmaliges Häkchen. Wer die Grenzen offen kommuniziert, verhindert, dass ein bestandenes Red Teaming zur Ausrede für nachlassende Wachsamkeit wird.

DSGVO-Bezug: Datenschutz beim Testen

Red Teaming berührt den Datenschutz an mehreren Stellen. Zum einen kann Red Teaming selbst mit personenbezogenen Daten in Berührung kommen – etwa wenn Testfälle reale Daten verwenden oder wenn ein System im Test personenbezogene Informationen preisgibt. Zum anderen ist eine der fünf Testdimensionen ausdrücklich der Datenschutz: Red Teaming prüft, ob ein System sensible oder personenbezogene Daten unangemessen offenlegt. In beiden Rollen ist die DSGVO relevant.
Praktisch bedeutet das: Wer Red Teaming durchführt, sollte den Grundsatz der Datenminimierung beachten, wo möglich mit synthetischen oder anonymisierten Testdaten arbeiten, den Zugriff auf reale Daten strikt begrenzen und Funde vertraulich behandeln. Deckt ein Red Teaming auf, dass ein System personenbezogene Daten preisgibt, ist das nicht nur ein technischer Befund, sondern potenziell auch ein datenschutzrechtlich bedeutsames Thema, das entsprechend behandelt werden muss. Ob im konkreten Fall etwa eine Datenschutz-Folgenabschätzung berührt ist oder welche Rechtsgrundlage die Verwendung bestimmter Daten im Test trägt, ist eine Frage des Einzelfalls und sollte fachjuristisch geklärt werden.
Datenschutz im Red Teaming

Red Teaming und DSGVO sind eng verzahnt: Das Testen selbst muss datenschutzkonform erfolgen, und der Schutz personenbezogener Daten ist zugleich ein Prüfziel. Die folgenden Prinzipien helfen, beides zusammenzudenken – ersetzen aber keine rechtliche Prüfung im Einzelfall.

Datenminimierung
So wenig reale Daten wie möglich; synthetisch oder anonymisiert testen.
Zugriffskontrolle
Zugriff auf reale Daten strikt begrenzen und protokollieren.
Vertraulichkeit
Funde vertraulich behandeln, verantwortungsvoll offenlegen.
Prüfziel Datenschutz
Aktiv prüfen, ob das System Daten unangemessen preisgibt.
Hinweis zum Datenschutz

Die datenschutzrechtliche Zulässigkeit einzelner Red-Teaming-Aktivitäten – insbesondere die Verwendung realer personenbezogener Daten in Tests – hängt vom Einzelfall ab und ist mit einer Fachjurist:in oder der Datenschutzfunktion zu klären. Dies ist keine Rechtsberatung; die hier genannten Prinzipien sind eine organisatorische Orientierung.

Kapitel 10 · Häufige Fragen

Häufig gestellte Fragen zum KI Red Teaming

Diese Fragen tauchen in unseren Beratungsgesprächen am häufigsten auf – kurz und sachlich beantwortet. Alle Antworten sind eine fachliche Orientierung und ausdrücklich keine Rechtsberatung; die Anwendbarkeit im Einzelfall ist mit einer Fachjurist:in zu klären.

Was ist der Unterschied zwischen KI Red Teaming und einem klassischen Penetrationstest?
Beide teilen die angreiferorientierte Denkweise, unterscheiden sich aber im Prüfobjekt. Ein klassischer Penetrationstest prüft die technische Angreifbarkeit von IT-Infrastruktur wie Servern, Netzwerken und Schnittstellen. KI Red Teaming richtet den Blick zusätzlich auf das Verhalten des KI-Modells selbst – also darauf, ob sich seine Ausgaben zum Schaden verbiegen lassen, ob es Schutzmechanismen umgeht oder sensible Daten preisgibt. Bei KI-Anwendungen ergänzen sich beide Ansätze und sollten kombiniert werden.
Ist Red Teaming legal, und was muss ich beachten?
Defensives Red Teaming an eigenen, ausdrücklich autorisierten Systemen bewegt sich in einem klaren Rahmen. Voraussetzung ist eine schriftliche Autorisierung durch eine entscheidungsbefugte Stelle, ein sauber definierter Scope und – bei personenbezogenen Daten – die Beachtung der DSGVO. Getestet wird niemals an fremden Systemen ohne Erlaubnis. Werden externe Dienstleister eingebunden, gehören Autorisierung, Verschwiegenheit und Datenschutz in einen Vertrag. Ob eine konkrete Prüfung im Einzelfall zulässig ist, sollte mit einer Fachjurist:in geklärt werden – dies ist keine Rechtsberatung.
Verlangt der EU AI Act Red Teaming?
Der EU AI Act verlangt für Hochrisiko-Systeme nach aktuellem Stand ein Risikomanagement sowie ein angemessenes Niveau an Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit; für bestimmte GPAI-Modelle sind zusätzliche Bewertungspflichten vorgesehen. Red Teaming ist nicht in jedem Kontext ausdrücklich unter diesem Namen vorgeschrieben, liefert aber genau die Art strukturierter Nachweise, die für diese Anforderungen relevant sind. Ob und in welchem Umfang es im konkreten Fall gefordert ist, hängt von Rolle und Risikoklasse ab und ist fachjuristisch zu bewerten – dies ist keine Rechtsberatung.
Reicht ein automatisiertes Werkzeug aus?
Nein. Automatisierte Werkzeuge sind wertvoll für Skalierung und wiederholbare Regressionsprüfung, prüfen aber nur, was sie kennen. Neuartige, kontextspezifische Schwachstellen finden in der Regel Menschen mit Kreativität und Domänenwissen. Die überzeugendsten Programme kombinieren automatisiertes Testen für die Breite mit gezieltem manuellem Red Teaming für die Tiefe. Sich allein auf ein Werkzeug zu verlassen, erzeugt leicht eine trügerische Sicherheit.
Welche Dimensionen sollte ein Red Teaming abdecken?
In der Praxis haben sich fünf Dimensionen bewährt: Sicherheit (Umgehung von Schutzmechanismen), Safety (schädliche Inhalte), Bias und Fairness (unfaire Behandlung von Gruppen), Robustheit (Stabilität bei ungewöhnlichen Eingaben) und Datenschutz (Preisgabe sensibler Daten). Nicht jedes System braucht in allen Dimensionen dieselbe Tiefe – ein risikobasiertes Threat Modeling im Vorfeld hilft, die Schwerpunkte richtig zu setzen.
Wie oft sollte Red Teaming stattfinden?
Red Teaming ist kein einmaliges Projekt, sondern ein wiederkehrender Prozess. Sinnvolle Anlässe sind größere Änderungen am System, Modell-Updates, neue Datenquellen, veränderte Einsatzkontexte sowie regelmäßige Intervalle für kritische Anwendungen. Wichtig ist die Nachverfolgung: Behobene Befunde sollten – idealerweise automatisiert – regelmäßig erneut getestet werden, damit sie behoben bleiben. Ein kleiner, konsequent wiederholter Prozess ist wirkungsvoller als eine große Einmalaktion.
Können wir Red Teaming selbst aufbauen oder brauchen wir Externe?
Beides ist möglich, und oft ist die Kombination am wirtschaftlichsten. Ein internes Team bringt Kontext- und Domänenwissen mit, läuft aber Gefahr, eigene blinde Flecken zu reproduzieren. Externe bringen Unabhängigkeit und spezialisierte Erfahrung, kennen den Kontext aber weniger gut. Für den Mittelstand bewährt sich ein hybrider Ansatz: eine schlanke interne Routine für die Breite, ergänzt durch gezielte externe Tiefe für die kritischsten Systeme und für den Kompetenzaufbau.
Beweist ein bestandenes Red Teaming, dass unser System sicher ist?
Nein. Red Teaming kann die Abwesenheit von Schwachstellen nie beweisen – es zeigt nur, dass die durchgeführten Tests keine weiteren Probleme aufgedeckt haben. Ein sauberer Bericht ist eine Momentaufnahme unter den geprüften Bedingungen, kein Garantieschein. Deshalb sollte Red Teaming als wiederkehrender Prozess in eine umfassendere KI-Qualitäts- und Governance-Strategie eingebettet sein und die Grenzen ehrlich kommuniziert werden.
Wie hängt Red Teaming mit dem Datenschutz zusammen?
Auf zwei Weisen. Erstens muss das Testen selbst datenschutzkonform erfolgen: mit Datenminimierung, möglichst synthetischen oder anonymisierten Testdaten und begrenztem Zugriff auf reale Daten. Zweitens ist der Datenschutz eine eigene Testdimension – Red Teaming prüft aktiv, ob ein System personenbezogene oder sensible Daten unangemessen preisgibt. Ob die Verwendung bestimmter Daten im Test zulässig ist oder ob eine Datenschutz-Folgenabschätzung berührt wird, ist eine Frage des Einzelfalls und mit einer Fachjurist:in zu klären – dies ist keine Rechtsberatung.
Womit sollten wir konkret anfangen?
Mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Welche KI-Anwendungen setzen wir ein, welche sind besonders kritisch, und welche Testdimensionen sind für sie relevant? Daraus lässt sich ein schlanker, autorisierter Scope für eine erste Red-Teaming-Runde ableiten – idealerweise beginnend mit dem risikoreichsten System. Wichtig ist, den Prozess von Anfang an in die KI-Governance einzubetten, damit er wiederkehrend wird. Die rechtliche Bewertung der Einzelfälle gehört in fachjuristische Hände – dies ist keine Rechtsberatung; die Anwendbarkeit im Einzelfall ist mit einer Fachjurist:in zu klären.

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