Um Infor LN richtig einzuordnen, lohnt ein Blick auf drei Ebenen, die in der Praxis oft durcheinandergeraten. Erstens der Dach-Anbieter Infor: ein großer Software-Konzern mit einem breiten Portfolio branchenspezifischer Business-Anwendungen, der wiederum zur Unternehmensgruppe rund um Koch Industries gehört. Zweitens das Produkt Infor LN: eine von mehreren ERP-Suiten unter dem Infor-Dach, spezialisiert auf die diskrete und komplexe Fertigung. Drittens das häufig verwechselte Schwesterprodukt Infor M3, das denselben Konzern-Ursprung teilt, aber auf andere Branchen (vor allem die Prozessindustrie) zielt. Wer über LN spricht, meint also ein konkretes Fertigungs-ERP — nicht das gesamte Infor-Portfolio.
Das Baan-Erbe ist mehr als eine historische Fußnote. Baan war in den 1990er-Jahren ein prominenter ERP-Anbieter, dessen Software gerade in fertigungsintensiven Branchen einen Ruf für tiefe, funktionsreiche Produktionsprozesse besaß. Nach einer wechselvollen Firmengeschichte und mehreren Eigentümerwechseln landete das Produkt schließlich bei Infor, wo es unter dem Namen LN weiterentwickelt und modernisiert wurde. Der funktionale Kern — die Fähigkeit, komplexe, variantenreiche und auftragsbezogene Fertigung abzubilden — blieb dabei ein prägendes Merkmal.
Die genaue Firmen- und Versionshistorie von Baan über die Zwischenstationen bis zum heutigen Infor LN ist verzweigt und für den Praxiseinsatz zweitrangig. Wichtiger als jede Jahreszahl ist die Erkenntnis, dass es sich um ein gereiftes, über Jahrzehnte gewachsenes Fertigungs-ERP handelt, das kontinuierlich unter dem Infor-Dach weiterentwickelt wurde. Diese Reife hat zwei Seiten: Auf der Habenseite steht eine bemerkenswerte funktionale Tiefe für Produktionsprozesse; auf der Sollseite die typische Herausforderung gewachsener Systeme, den Sprung in moderne Cloud- und Bedienkonzepte konsequent zu vollziehen. Genau diesen Sprung adressiert Infor mit der CloudSuite-Strategie (siehe Kapitel 02).
Für Bestandskunden aus der Baan-Ära ist LN daher die logische Fortsetzung ihrer Systemlandschaft, während Neukunden es in erster Linie als modernes, branchenorientiertes Fertigungs-ERP kennenlernen. Beide Perspektiven treffen sich in derselben Frage: Passt die spezialisierte Fertigungstiefe von LN zum eigenen Produktions- und Prozessprofil, und rechtfertigt sie den Einführungs- und Betriebsaufwand?
Infor LN ist bewusst kein generisches ERP für jede Branche, sondern auf produzierende Unternehmen zugeschnitten. Seine Stärke liegt dort, wo Produkte konstruiert, gefertigt, montiert und über einen langen Lebenszyklus gewartet werden — also in Umgebungen mit Stücklisten, Arbeitsplänen, Varianten, Projektbezug und teils langen Durchlaufzeiten. In solchen Szenarien spielt LN seine über Baan gewachsene Fertigungstiefe aus. In Branchen ohne diesen Fertigungsschwerpunkt — etwa im reinen Handel, in vielen Dienstleistungen oder in der Prozessindustrie — ist es dagegen selten die naheliegende Wahl; dort greifen andere Infor-Produkte oder Wettbewerber besser.
Dieser Beitrag ordnet Infor LN herstellerneutral ein: Editionen und CloudSuites samt Positionierung (Kapitel 02), Funktionsumfang und Kernmodule für die komplexe Fertigung (Kapitel 03), KI- und Automatisierungsfunktionen (Kapitel 04), Integrationen und das Ökosystem rund um Infor OS (Kapitel 05), die wichtige Abgrenzung von LN gegenüber M3, dem Dach-Anbieter Infor und Wettbewerbern wie SAP und Epicor (Kapitel 06), Einführung und Betrieb (Kapitel 07), die Eignung im Mittelstand einzelner Fertigungsbranchen (Kapitel 08), Kosten sowie DSGVO- und Datenhoheitsfragen bei einem US-Anbieter (Kapitel 09) und häufige Fragen (Kapitel 10). Ziel ist eine fundierte Entscheidungsgrundlage, keine Werbung für oder gegen ein Produkt.
Infor treibt seit Jahren eine ausgeprägte Cloud-Strategie voran und bündelt seine Kernprodukte in sogenannten CloudSuites. Für Infor LN bedeutet das: Das Fertigungs-ERP wird schwerpunktmäßig als vorkonfigurierte, branchenorientierte Cloud-Lösung angeboten, die auf einer Hyperscaler-Infrastruktur betrieben wird. Der Grundgedanke ähnelt dem anderer moderner Cloud-ERP-Ansätze — standardnahe Prozesse, regelmäßige Updates und geringerer eigener Infrastrukturaufwand.
In der Praxis begegnen Unternehmen dabei unterschiedlichen Betriebsmodellen, deren konkreter Zuschnitt sich ändern kann und daher beim Anbieter zu verifizieren ist. Grob unterscheiden lassen sich eine mehrmandantenfähige, stark standardisierte Cloud-Variante, eine eher dediziert betriebene Cloud-Variante mit mehr Anpassungs- und Release-Spielraum sowie die klassische On-Premise- oder Private-Betriebsform für Unternehmen mit hohen Anforderungen an Datenhoheit, Kontrolle oder bestehende Landschaften. Welche Variante angeboten wird und wie sie exakt zugeschnitten ist, hängt vom aktuellen Portfolio-Stand ab und sollte nicht aus Sekundärquellen übernommen werden.
Charakteristisch für Infor ist, dass das Portfolio nicht primär nach Technik, sondern nach Branchen gegliedert wird. Infor LN bildet die technologische Basis für mehrere fertigungsnahe CloudSuites, die auf konkrete Industrien zugeschnitten sind — etwa auf industrielle Fertigung im weiteren Sinn, auf Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung, auf Automotive-Zulieferung oder auf Anlagen- und Maschinenbau. Der Vorteil dieser Logik: Unternehmen erhalten nicht ein leeres Standard-ERP, sondern eine Vorkonfiguration mit branchentypischen Prozessen, Rollen und Best Practices, die den Einführungsaufwand reduzieren soll.
Die konkrete Benennung und der Zuschnitt dieser CloudSuites ändern sich im Zeitverlauf und variieren je nach Region. Für die Bewertung entscheidend ist weniger der jeweilige Marketingname als die Frage, ob es für die eigene Branche eine passende, gepflegte Vorkonfiguration gibt — und wie nah diese am tatsächlichen eigenen Prozess liegt. Eine gute Branchenpassung senkt Aufwand und Risiko erheblich; eine nur oberflächliche Passung führt schnell zu genau den Anpassungen, die man mit der CloudSuite eigentlich vermeiden wollte.
Eine grobe Orientierung: Fertiger mit weitgehend branchentypischen Prozessen, die geringen Betriebsaufwand und planbare Updates schätzen, fahren mit einer standardnahen Cloud-Variante meist gut. Unternehmen mit vielen gewachsenen Sonderprozessen oder starkem Baan-/LN-Bestand tendieren eher zu einer dedizierten Cloud- oder On-Premise-Variante, weil sie mehr Kontrolle über Anpassungen und Release-Zeitpunkte behalten wollen. Diese Entscheidung ist folgenreich und später nur mit Aufwand revidierbar; sie sollte deshalb aus einer dokumentierten Bewertung von Prozessen, Anpassungstiefe, Datenschutzanforderungen und Gesamtkosten entstehen, nicht aus dem Bauch.
Wichtig ist, die Wahl der Betriebsvariante nicht mit der Frage der Branchenpassung zu verwechseln. Beides hängt zusammen, ist aber nicht identisch: Die Betriebsvariante bestimmt, wie das System künftig betrieben und aktualisiert wird; die passende Branchen-CloudSuite entscheidet, wie viel Vorkonfiguration den Einstieg erleichtert. Ein Unternehmen kann eine standardnahe Cloud-Variante wählen und dennoch von einer branchenspezifischen Vorkonfiguration profitieren — vorausgesetzt, diese trifft den eigenen Prozess wirklich.
Wie jedes vollwertige ERP deckt Infor LN die betriebswirtschaftlichen Grundprozesse ab: Finanzwesen und Controlling (Buchhaltung, Kostenrechnung, Reporting), Beschaffung und Einkauf, Vertrieb und Auftragsmanagement sowie Lager- und Bestandsmanagement. Diese Module bilden das Rückgrat, auf dem die fertigungsspezifischen Funktionen aufsetzen. Ihre Besonderheit im LN-Kontext liegt weniger in der reinen Existenz als in der engen Verzahnung mit der Produktion: Materialbedarfe, Kosten und Bestände entstehen dort, wo gefertigt wird, und fließen durchgängig in die kaufmännische Sicht.
Das Herzstück von LN ist die Fertigungssteuerung. Hier zeigt sich das Baan-Erbe: LN unterstützt anspruchsvolle Fertigungsarten von der auftragsbezogenen Einzel- und Kleinserienfertigung über die variantenreiche Serienfertigung bis zur projektorientierten Produktion. Zentrale Bausteine sind mehrstufige Stücklisten (BOM) und Arbeitspläne, die Materialbedarfsplanung (MRP), die Kapazitäts- und Feinplanung sowie die Rückmeldung und Kostenerfassung aus der Werkstatt. Für Unternehmen mit hoher Variantenvielfalt sind Funktionen zur Produktkonfiguration relevant, mit denen sich kundenspezifische Ausprägungen sauber in Stücklisten und Arbeitspläne überführen lassen.
Gerade die Fähigkeit, komplexe, variantenreiche und teils kundenindividuelle Produkte über den gesamten Prozess durchgängig abzubilden, gilt traditionell als eine der Stärken von LN. In Branchen wie dem Maschinen- und Anlagenbau, in denen kaum zwei Aufträge exakt gleich sind, ist genau diese Tiefe ein echter Unterschiedsfaktor gegenüber generischeren Systemen.
Über die klassische Produktion hinaus adressiert LN zwei Bereiche, die für seine Zielbranchen besonders wichtig sind. Erstens das Projektmanagement in der Fertigung: Bei Anlagen- oder Sondermaschinen entstehen Produkte in projekthaften Strukturen mit Budget, Terminplan, Fortschritt und projektbezogener Kostenverfolgung — LN bindet diese Projektlogik eng an Beschaffung, Produktion und Finanzwesen an. Zweitens das Servicegeschäft und der Lebenszyklus (Service & Maintenance): Für langlebige Investitionsgüter ist die Phase nach der Auslieferung — Wartung, Ersatzteile, Instandhaltung, Rückverfolgbarkeit — oft geschäftskritisch. LN unterstützt hier den durchgehenden Bezug vom gefertigten Produkt bis zu seinem Service über Jahre hinweg.
In regulierten Branchen wie der Luft- und Raumfahrt spielt zudem die lückenlose Nachverfolgbarkeit (Traceability) einzelner Teile und Chargen eine große Rolle. Die Fähigkeit, Herkunft, Verbau und Historie eines Bauteils dokumentieren zu können, ist dort keine Kür, sondern Voraussetzung — und ein Grund, warum LN in solchen Umgebungen häufig anzutreffen ist.
Der realistische Nutzen von KI in einem Fertigungs-ERP liegt in gut umrissenen Anwendungsfällen. Dazu zählen die Prognose von Bedarfen und Nachfrage, die zu genaueren Planungsergebnissen und weniger Über- oder Unterbeständen führen kann; die vorausschauende Instandhaltung (Predictive Maintenance), bei der aus Betriebs- und Sensordaten Wartungsbedarfe abgeleitet werden, bevor ein Ausfall entsteht; sowie die Anomalie- und Ausreißererkennung in Prozess- und Qualitätsdaten. Ergänzend rücken assistierende Funktionen in den Vordergrund, die wiederkehrende Aufgaben automatisieren oder Anwender mit kontextbezogenen Vorschlägen und Auswertungen unterstützen.
Charakteristisch für Infor ist der Ansatz, solche Funktionen nicht als losgelöste Zusätze, sondern über die gemeinsame Plattform Infor OS (siehe Kapitel 05) und die darin gebündelten Daten- und Analytik-Dienste bereitzustellen. Der Gedanke dahinter: Je besser die operativen Daten aus LN in einer gemeinsamen Datenbasis zusammenlaufen, desto tragfähiger werden Prognosen und Automatisierungen. Der konkrete Funktionsumfang, die Benennung einzelner KI-Dienste und ihre Verfügbarkeit je Edition ändern sich laufend und sind beim Anbieter zu prüfen.
Neben der analytischen KI ist die schlichte Prozessautomatisierung im Alltag oft der größere Hebel. Regelbasierte Workflows, automatisierte Freigaben, das Vorausfüllen und Prüfen von Belegen oder die automatische Weiterleitung von Vorgängen entlasten Fachbereiche spürbar — gerade in fertigungsnahen Prozessen mit vielen wiederkehrenden Schritten. Solche Automatisierung wirkt weniger glamourös als generative KI, liefert aber häufig den unmittelbareren Nutzen und ist besser messbar.
Infor OS (Operating Service) ist Infors plattformseitige Klammer um seine Produkte. Es bündelt Dienste, die nicht spezifisch für ein einzelnes ERP sind, sondern übergreifend genutzt werden: eine Integrationsschicht für den Datenaustausch zwischen Anwendungen (häufig unter dem Namen ION), eine gemeinsame Datendrehscheibe und Analytik, ein einheitliches Benutzer- und Rechtemanagement, Portal- und Kollaborationsfunktionen sowie die bereits erwähnten KI- und Automatisierungsdienste. Für LN bedeutet das: Vieles, was früher als individuelle Schnittstelle gebaut werden musste, soll über diese Plattform standardisiert ablaufen.
Der strategische Vorteil dieses Ansatzes liegt in der Konsistenz: Anwendungen aus dem Infor-Kosmos lassen sich über eine gemeinsame Plattform verbinden, Daten fließen über definierte Wege, und übergreifende Dienste (Identität, Analytik, KI) müssen nicht je Produkt neu erfunden werden. Der Preis ist eine gewisse Bindung an das Infor-Ökosystem — je tiefer man auf Infor OS setzt, desto stärker orientiert sich die eigene Integrationslandschaft an der Infor-Welt.
In der Realität eines Fertigers steht LN neben zahlreichen anderen Systemen: Konstruktion und PLM, Manufacturing Execution (MES) und Maschinensteuerungen, CRM, Logistik- und Zolllösungen, E-Commerce oder branchenspezifische Speziallösungen. Für ein Fertigungs-ERP ist die Integrationsfähigkeit deshalb ein zentrales Bewertungskriterium. Über die Integrationsschicht und offene Schnittstellen lassen sich solche Umsysteme anbinden; wie aufwendig das im Einzelfall ist, hängt von den konkreten Systemen, Schnittstellenstandards und der Datenqualität ab und sollte in einer Bewertung mit realen Beispielen durchgespielt werden, nicht nur auf dem Papier.
Ein wiederkehrendes Muster in Integrationsprojekten: Je näher man an den vorgesehenen Standards und der Plattformlogik bleibt, desto wartbarer und update-fähiger bleibt die Landschaft. Individuell gebaute Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen mögen kurzfristig schneller sein, erzeugen aber technische Schulden und erschweren spätere Updates — ein Effekt, der bei Cloud-Betrieb besonders ins Gewicht fällt. Eine bewusste Integrationsarchitektur, die die Plattformdienste konsequent nutzt und Individuallösungen auf das wirklich Nötige beschränkt, zahlt sich über die Lebensdauer des Systems aus.
Die häufigste Verwechslung betrifft die beiden großen Fertigungs-ERP unter dem Infor-Dach. Beide sind vollwertige ERP-Systeme, zielen aber auf unterschiedliche Fertigungsarten. Infor LN (Baan-Erbe) ist auf die diskrete und komplexe Fertigung zugeschnitten — also auf Umgebungen, in denen zählbare Einzelteile konstruiert, gefertigt und montiert werden: Maschinen- und Anlagenbau, Aerospace, projekt- und variantenreiche Produktion. Infor M3 hingegen ist stark in der Prozess- und Rezepturindustrie sowie in verwandten Branchen (etwa Lebensmittel, Chemie, Mode/Distribution), in denen nicht Stücklisten und Montage, sondern Rezepturen, Chargen, Haltbarkeiten und variantenreiche Distribution im Vordergrund stehen.
Vereinfacht gilt: Wer Produkte zusammenbaut (diskret), schaut zuerst auf LN; wer Produkte mischt oder verarbeitet (prozessual), zuerst auf M3. Diese Faustregel ist bewusst grob — reale Unternehmen haben oft Mischformen, und die endgültige Zuordnung folgt aus dem konkreten Prozessprofil, nicht aus einer Kurzformel. Wichtig ist die Grundeinsicht: LN und M3 sind keine konkurrierenden Versionen desselben Produkts, sondern zwei Systeme für zwei Fertigungswelten.
Ebenso wichtig ist die Trennung zwischen dem Produkt Infor LN und dem Unternehmen Infor. Infor ist ein großer US-amerikanischer Softwarekonzern, der zur Unternehmensgruppe rund um Koch Industries gehört und ein breites Portfolio branchenspezifischer Business-Software besitzt — ERP-Systeme wie LN und M3, aber auch zahlreiche weitere Anwendungen für einzelne Branchen und Funktionen. „Infor“ als Antwort auf die Frage nach dem ERP-System ist deshalb unpräzise: Gemeint ist fast immer eines der konkreten Produkte. In einer Auswahl gehört daher immer benannt, welches Infor-Produkt in welcher Edition gemeint ist.
Im externen Wettbewerb trifft LN vor allem auf zwei Klassen von Systemen. Am oberen Ende steht SAP (insbesondere SAP S/4HANA): funktional sehr breit und tief, mit der größten installierten Basis im DACH-Großkundensegment und einem entsprechend großen Beratungsökosystem — dafür oft mit höherer Komplexität und höheren Gesamtkosten. LN positioniert sich demgegenüber gern als das fokussiertere, fertigungsnäher vorkonfigurierte System, das speziell für diskrete Fertiger weniger generischen Ballast mitbringt. Ob dieser Fokus im Einzelfall ausreicht oder ob die Breite von SAP gebraucht wird, hängt vom Unternehmen ab.
Im gehobenen Mittelstand der Fertigung konkurriert LN daneben mit spezialisierten Fertigungs-ERP wie Epicor sowie mit weiteren Systemen (etwa aus dem DACH-Raum), die ähnliche Branchen adressieren. Diese Wettbewerber sind oft ebenfalls stark in der diskreten Fertigung und können je nach Branche, Größe und Region die bessere Passung bieten. Ein ehrlicher Vergleich betrachtet daher nicht nur Funktionslisten, sondern die konkrete Branchen- und Prozesspassung, die Partnerlandschaft in der eigenen Region und die realistischen Gesamtkosten.
Zwei Themen entscheiden in Fertigungsprojekten überproportional über Erfolg und Kosten. Erstens die Datenmigration: Gerade Fertigungsstammdaten — Artikel, Stücklisten, Arbeitspläne, Lieferanten, offene Aufträge — sind umfangreich und fehleranfällig. Werden Altlasten und Dubletten unbesehen übernommen, wandern Probleme ins neue System und untergraben dessen Nutzen. Eine frühe, ehrliche Datenbereinigung ist daher kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Baustein.
Zweitens die Anpassungsdisziplin. Die Versuchung, das System an jede gewachsene Eigenheit anzupassen, ist in fertigungsnahen Projekten besonders groß, weil jeder Bereich seine Sonderprozesse für unverzichtbar hält. Doch jede Anpassung erhöht Aufwand und Betriebskosten und erschwert Updates — im Cloud-Betrieb besonders. Erfolgreiche Projekte trennen konsequent zwischen den wenigen wirklich differenzierenden Prozessen und der Mehrheit, die ohne Schaden standardisiert werden kann.
Da Infor überwiegend über ein Partnernetzwerk implementiert, entscheidet die Qualität des Umsetzungspartners oft stärker über den Projekterfolg als das Produkt selbst. Hilfreich sind Partner mit nachweisbarer Erfahrung in der eigenen Fertigungsbranche und Unternehmensgröße, die nicht nur das System, sondern auch die typischen Prozesse und die Realität knapper interner Ressourcen kennen. Ein Partner, der konsequent zur Standardnähe rät und Sonderwünsche kritisch hinterfragt, schützt Budget und Update-Fähigkeit besser als einer, der jeden Wunsch erfüllt.
Infor LN spielt seine Stärken dort aus, wo diskrete, komplexe und oft projektbezogene Fertigung dominiert. Typische Profile sind der Maschinen- und Anlagenbau mit auftragsbezogener, variantenreicher Produktion und langem Servicebezug; die Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung mit hohen Anforderungen an Nachverfolgbarkeit und Compliance; die Automobilzulieferung mit anspruchsvollen Serien- und Logistikprozessen; sowie allgemein die projektorientierte und variantenreiche Produktion von Investitionsgütern. In diesen Umgebungen ist die Fertigungstiefe kein Luxus, sondern erfüllt reale, oft regulatorische Anforderungen.
Mittelständler unterschätzen häufig, wie viel internes Engagement ein ERP-Projekt dieser Tiefe bindet. Fachbereiche und die Produktion müssen Prozesse beschreiben, Stammdaten aufbereiten, Tests durchführen und neue Abläufe lernen — parallel zum laufenden Geschäft. Externe Beratung kann viel abnehmen, aber nicht die Entscheidungen und das Prozesswissen. Wer hier keine Kapazitäten freistellt, riskiert Verzögerungen, schlechte Datenqualität und Akzeptanzprobleme. Eine ehrliche Ressourcenplanung — inklusive der Frage, ob das Projekt jetzt überhaupt stemmbar ist — gehört an den Anfang, nicht ans Ende.
Wie bei jedem modernen Cloud-ERP liegt auch bei LN ein kultureller Kernpunkt in der Standardisierung. Mittelständische Fertiger verstehen ihre individuellen Prozesse oft als Wettbewerbsvorteil und tun sich schwer, diese zugunsten des Standards oder der Branchen-CloudSuite aufzugeben. Doch jede beibehaltene Eigenheit erhöht Aufwand und Betriebskosten und gefährdet die Update-Fähigkeit. Erfolgreiche Projekte identifizieren die wenigen Prozesse, die wirklich differenzieren und Individualität rechtfertigen, und standardisieren den Rest bewusst. Diese Übung ist anstrengend, aber sie ist der eigentliche Hebel für ein wirtschaftliches Projekt.
Schließlich lohnt sich für den fertigenden Mittelstand ein nüchterner, herstellerneutraler Blick auf die Alternativen. Für viele diskrete Fertiger ist LN eine sehr sinnvolle Wahl — gerade bei komplexen, projektbezogenen Prozessen oder vorhandenem Baan-/LN-Bestand. Andere stellen fest, dass ein schlankeres oder anders positioniertes System (etwa aus dem DACH-Raum) ihren Bedarf besser trifft, oder dass ihre Fertigung eigentlich prozessual geprägt ist und damit eher zu M3 passt. Diese Fragen offen zu prüfen, statt sie aus Gewohnheit zu überspringen, ist Teil einer seriösen Entscheidungsvorbereitung.
Der häufigste Kalkulationsfehler besteht darin, die Lizenz- oder Abokosten für die Gesamtkosten zu halten. Tatsächlich ist die Software oft der kleinere Posten — die Einführung und der Betrieb drumherum dominieren die Gesamtkosten (Total Cost of Ownership). Zu den oft übersehenen Kostenblöcken gehören:
Konkrete Preise nennt dieser Beitrag bewusst nicht: Sie hängen von Edition, Nutzerzahl, Modulen, Branche und Vertrag ab, ändern sich laufend und lassen sich seriös nur im individuellen Angebot beziffern. Verlässlich ist allein die Botschaft: Wer nur die Software-Konditionen verhandelt und die Umsetzung „nebenbei“ einplant, unterschätzt das Projekt strukturell. Ein belastbares Budget enthält außerdem einen Risikopuffer für die erfahrungsgemäß teuren Themen Datenqualität und Schnittstellen.
Infor ist ein US-amerikanischer Anbieter, und der Cloud-Betrieb wirft damit die typischen Fragen des internationalen Datentransfers auf. Das ist kein Ausschlusskriterium — viele US-Anbieter betreiben EU-Rechenzentren und bieten vertragliche Mechanismen für einen DSGVO-konformen Betrieb. Entscheidend sind die konkreten Rahmenbedingungen im Einzelfall: Wo werden die Daten gespeichert und verarbeitet (EU-Region?), welche vertraglichen Grundlagen (Auftragsverarbeitung, Standardvertragsklauseln, aktuelle Transfer-Mechanismen) liegen vor, wie ist der Zugriff durch den Anbieter geregelt, und welche Zertifizierungen bestehen. Diese Punkte gehören vor der Entscheidung mit den eigenen Datenschutz- und Compliance-Verantwortlichen geklärt.
Ein Wort zum Lock-in: Je tiefer man auf das Infor-Ökosystem (Infor OS, Branchen-CloudSuite) setzt, desto stärker bindet man sich an einen Anbieter. Das ist bei jedem großen ERP so und per se kein Fehler — aber es sollte eine bewusste Entscheidung sein. Sinnvoll ist, bereits bei der Auswahl eine grobe Exit-Perspektive mitzudenken: Wie käme man an die eigenen Daten, in welchen Formaten, und mit welchem Aufwand ließe sich ein Wechsel bewältigen? Diese Fragen zu stellen bedeutet nicht, den Wechsel zu planen, sondern die eigene Verhandlungsposition und Datenhoheit zu wahren.