Der wichtigste Merksatz zuerst: RISE ist der Weg, nicht das Ziel. Das Ziel ist ein moderner, cloud-betriebener ERP-Kern auf Basis von SAP S/4HANA. RISE ist das kommerzielle und organisatorische Vehikel, mit dem SAP diesen Umstieg anbietet — inklusive der Migration von einem Altsystem (typischerweise SAP ECC), der Bereitstellung der Cloud-Umgebung und einer Reihe von Werkzeugen und Leistungen, die den Übergang strukturieren sollen. Man abonniert also nicht nur eine Software, sondern ein ganzes Übergangs- und Betriebspaket.
Diese Bündelung ist gleichzeitig die größte Stärke und die häufigste Quelle von Missverständnissen. Sie senkt für Kunden die Zahl der Vertragspartner und der Schnittstellen — statt Software, Hosting und Betriebsleistung einzeln zu beschaffen, kommt vieles aus einer Hand. Sie vermischt aber auch technische Ebenen (welches System läuft eigentlich?) mit kommerziellen Ebenen (wie wird es bezogen und abgerechnet?), und genau diese Vermischung sorgt in Auswahlprojekten regelmäßig für Verwirrung.
Die zentrale Abgrenzung dieses Artikels lautet: S/4HANA ist die Software, RISE ist das Bezugs- und Transformationsmodell darum herum. SAP S/4HANA lässt sich grundsätzlich auch außerhalb von RISE beziehen — etwa als klassische On-Premise-Lizenz im eigenen Rechenzentrum oder als eigenständige Cloud-Edition. RISE fügt diesem Kern gezielt weitere Bausteine hinzu: die Cloud-Infrastruktur (meist bei einem Hyperscaler), den technischen Betrieb, Migrationswerkzeuge, ausgewählte Plattform- und Analytikdienste sowie methodische Unterstützung — alles in einem Subskriptionsvertrag.
Ein Bild hilft: S/4HANA ist der Motor, RISE ist das komplette Leasing- und Servicepaket, das Motor, Fahrzeug, Werkstatt, Versicherung und Umzugshilfe vom alten zum neuen Wagen zusammenfasst. Man kann den Motor auch einzeln kaufen und selbst einbauen — aber RISE verspricht, den gesamten Umzug als eine planbare, abonnierte Dienstleistung zu liefern. Ob dieses Versprechen im Einzelfall trägt, hängt von der konkreten Ausgangslage ab und ist eine der Kernfragen jeder RISE-Bewertung.
RISE with SAP ist deshalb allgegenwärtig, weil es SAPs bevorzugter kommerzieller Rahmen für den Übergang von ECC nach S/4HANA in der Cloud ist. Der auslaufende Wartungshorizont für ECC setzt tausende Bestandskunden im DACH-Raum unter Handlungsdruck, und RISE ist das Angebot, mit dem SAP diesen Kunden den Weg in die Cloud anbietet. Dadurch begegnet der Begriff in fast jeder Modernisierungsdebatte — oft, bevor die Beteiligten überhaupt geklärt haben, welche technische Edition und welche Migrationsstrategie eigentlich dahinterstehen.
Für eine seriöse Entscheidung ist genau diese Entflechtung nötig. Man muss trennen zwischen der Frage, ob S/4HANA die richtige Zielarchitektur ist (eine fachlich-technische Frage), und der Frage, ob RISE der richtige Weg dorthin ist (eine kommerzielle und betriebliche Frage). Beide Antworten hängen zusammen, sind aber nicht identisch — und wer sie zusammenwirft, verhandelt entweder das Falsche oder unterschätzt, worauf er sich vertraglich einlässt.
Dieser Beitrag ordnet RISE with SAP herstellerneutral ein: die Bestandteile und ihre Positionierung (Kapitel 02), der konkrete Leistungsumfang (Kapitel 03), der Kontext rund um KI und Automatisierung inklusive des Assistenten Joule (Kapitel 04), Integrationen und die Hyperscaler-Frage (Kapitel 05), die Abgrenzung zu klassischer S/4HANA-Lizenz und zu GROW with SAP (Kapitel 06), Einführung und Betrieb zwischen Brownfield und Greenfield (Kapitel 07), die Eignung im Mittelstand (Kapitel 08), Kosten, DSGVO und Datenhoheit (Kapitel 09) sowie häufige Fragen (Kapitel 10). Ziel ist nicht, für oder gegen RISE zu werben, sondern eine belastbare Entscheidungsgrundlage zu liefern.
Im Zentrum steht die SAP S/4HANA Cloud — in aller Regel die Private Edition, weil RISE vorrangig auf die Transformation bestehender, oft angepasster Systeme zielt. Sie ist der eigentliche ERP-Kern. Um diesen Kern gruppieren sich weitere Bausteine, die je nach Zuschnitt und Vertragsstand des Programms in unterschiedlichem Umfang enthalten sind. Die folgenden Komponenten gehören typischerweise zum Bild, wobei der genaue Umfang beim Anbieter zu prüfen ist:
Ebenso wichtig wie die enthaltenen Bausteine ist die klare Sicht darauf, was RISE nicht automatisch abdeckt. Das Bündel liefert die technische Grundlage und einen Teil der Werkzeuge — aber die eigentliche fachliche Umsetzung bleibt ein Projekt. Konkret nicht oder nur teilweise enthalten sind in der Regel: die inhaltliche Implementierungs- und Prozessberatung, das Change Management, die Bereinigung und fachliche Aufbereitung der Altdaten, der Neubau oder die Anpassung von Eigenentwicklungen sowie das interne Projekt- und Betriebsteam auf Kundenseite. Diese Leistungen werden meist über einen Implementierungspartner erbracht und separat beauftragt.
Diese Trennlinie ist entscheidend für eine realistische Erwartung. RISE reduziert die Zahl der technischen Vertragspartner und nimmt dem Kunden Teile des Basisbetriebs ab — aber es macht aus der Transformation kein Selbstläufer-Produkt. Die betriebswirtschaftlich schwierigen und teuren Themen (Prozessdesign, Datenqualität, Akzeptanz) liegen weiterhin überwiegend beim Kunden und seinem Implementierungspartner. Wer RISE als Rundum-sorglos-Paket missversteht, unterschätzt genau diese Aufwände.
Innerhalb des SAP-Angebots positioniert sich RISE als der gebündelte Transformationsweg für Bestandskunden. Es steht damit neben zwei anderen Bezugslogiken: dem klassischen, entkoppelten Bezug von S/4HANA (Lizenz, Infrastruktur und Betrieb getrennt beschafft) und dem Schwesterprogramm GROW with SAP, das dieselbe Bündelungsidee für Neukunden und die Public Edition verfolgt (siehe Kapitel 06). RISE ist also nicht die einzige Möglichkeit, zu S/4HANA zu gelangen, sondern SAPs bevorzugtes, standardisiertes Angebot für einen bestimmten Kundentyp — den bestehenden, meist ECC-basierten Kunden, der in die Cloud will oder soll.
Ein wiederkehrendes Element ist die strukturierte Analyse der Ausgangslage. Bevor migriert wird, geht es darum, den bestehenden Systemzustand zu erfassen: welche Prozesse laufen, welche Eigenentwicklungen existieren, wie ist es um Datenqualität und Systemnutzung bestellt. SAP stellt hierfür Werkzeuge und methodische Unterstützung bereit, die dabei helfen, den Umfang und die Risiken der Transformation abzuschätzen. Diese frühe Standortbestimmung ist wertvoll, ersetzt aber keine eigene, kritische Bewertung der Ergebnisse.
Auf der Migrationsseite bündelt RISE Werkzeuge und Leistungen, die den technischen Übergang vom Altsystem in die neue Cloud-Umgebung unterstützen — von der Datenübernahme bis zur Bereitstellung der Zielumgebung. Auf der Betriebsseite übernimmt SAP definierte Managed-Service-Leistungen für die Infrastruktur und die technische Basis, etwa die Sicherstellung der Verfügbarkeit im vereinbarten Rahmen und die Pflege der Betriebsplattform. Die genauen Service-Level und Verantwortungsgrenzen sind vertraglich geregelt und im Einzelfall zu prüfen.
Ein zentrales Verkaufsargument von RISE ist die vertragliche Vereinfachung. Statt Software, Hosting und Basisbetrieb bei mehreren Parteien einzeln zu beschaffen und die Schnittstellen selbst zu verantworten, bündelt RISE diese Elemente unter dem Dach eines Abonnements mit SAP als zentralem Ansprechpartner. Das kann die Koordination erleichtern und Zuständigkeitslücken verringern — gerade bei Verfügbarkeits- oder Betriebsfragen, wo sich Anbieter sonst gegenseitig die Verantwortung zuschieben können.
Dieser Vorteil hat allerdings eine Kehrseite, die zur ehrlichen Betrachtung gehört: Die Bündelung erhöht die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter und macht spätere Wechsel tendenziell aufwendiger. Der bekannte Zielkonflikt zwischen Bequemlichkeit und Bindung wird durch das Bündelmodell nicht aufgehoben, sondern verschoben. Wer RISE wählt, sollte die Frage nach Vertragslaufzeiten, Ausstiegsszenarien und Lock-in-Effekten bewusst stellen, statt sie hinter dem Komfortversprechen verschwinden zu lassen.
Richtig eingesetzt liegt der Nutzen von RISE in der Durchgängigkeit: Analyse, Migration, Infrastruktur und Basisbetrieb greifen ineinander und werden aus einer Hand verantwortet. Für Organisationen ohne tiefe eigene SAP-Basis-Kompetenz kann das eine echte Entlastung sein, weil sie den technischen Unterbau nicht selbst aufbauen und betreiben müssen. Der Umstieg wird planbarer, weil viele Abhängigkeiten in einem Vertrag gebündelt sind.
Die Grenze dieser Verzahnung liegt dort, wo die fachliche Substanz beginnt. Kein Bündel nimmt einem Unternehmen die Entscheidung ab, welche Prozesse es standardisieren und welche es differenzieren will, wie sauber seine Daten sind und wie es seine Mitarbeitenden mitnimmt. RISE liefert einen guten Rahmen und einen soliden technischen Unterbau — den inhaltlichen Kern der Transformation muss die Organisation weiterhin selbst tragen. Diese realistische Erwartung schützt vor der Enttäuschung, ein Abonnement könne die Arbeit einer Transformation ersetzen.
Ein sichtbares Element der SAP-KI-Strategie ist der Assistent Joule — ein KI-Copilot, der Anwenderinnen und Anwender in SAP-Anwendungen unterstützen soll, etwa durch natürlichsprachliche Interaktion, das Auffinden von Informationen und die Vereinfachung wiederkehrender Aufgaben. Zusätzlich verfolgt SAP das Ziel, KI-Funktionen direkt in einzelne Geschäftsprozesse einzubetten, etwa zur Unterstützung von Vorschlägen, Klassifikationen oder Automatisierungen im laufenden Betrieb. Der Grundgedanke: KI soll nicht als separates Werkzeug danebenstehen, sondern in die ERP-Prozesse hineingewoben werden.
Wichtig ist hier die nüchterne Einordnung. Welche KI-Funktionen konkret verfügbar, in welchem Paket enthalten und in welchem Reifegrad nutzbar sind, verändert sich schnell und hängt stark von Edition, Release und Vertragsstand ab. Manche Funktionen sind eingebettet und ohne Aufpreis nutzbar, andere sind kostenpflichtige Zusatzangebote, wieder andere befinden sich in Entwicklung oder eingeschränkter Verfügbarkeit. Konkrete Funktionsversprechen sollten daher immer gegen den aktuellen, für die eigene Konstellation gültigen Stand beim Anbieter geprüft werden — Marketingaussagen und produktive Realität fallen bei KI-Themen erfahrungsgemäß besonders häufig auseinander.
Der Zusammenhang zwischen RISE und KI ist kein Zufall. Viele der neueren KI- und Automatisierungsfunktionen setzen eine aktuelle, cloud-betriebene S/4HANA-Umgebung voraus und lassen sich auf alten ECC-Systemen gar nicht oder nur eingeschränkt nutzen. Damit wird die KI-Perspektive zu einem der Argumente, mit denen der Umstieg begründet wird: Wer die kommenden Innovationszyklen mitnehmen will, braucht eine moderne Basis — und RISE ist der von SAP angebotene Weg dorthin. Ob dieses Argument im Einzelfall trägt, hängt davon ab, wie konkret und wie geschäftsrelevant die tatsächlich verfügbaren KI-Funktionen für das eigene Unternehmen sind.
Jenseits einzelner Funktionen liegt der eigentliche Wert in der Prozessautomatisierung. Eine moderne, standardnahe ERP-Basis erleichtert es, wiederkehrende Tätigkeiten zu automatisieren, Medienbrüche zu reduzieren und Auswertungen in Echtzeit zu erhalten. Dieser Nutzen entsteht allerdings nicht durch das Abonnement selbst, sondern durch die konsequente Nutzung standardisierter, sauber modellierter Prozesse. KI und Automatisierung wirken als Verstärker auf eine gute Prozess- und Datenbasis — auf einer schlechten Basis verstärken sie vor allem das Chaos. Die alte Wahrheit gilt auch hier: Werkzeuge ersetzen keine Ordnung, sie belohnen sie.
Die Cloud-Infrastruktur unter RISE wird in aller Regel auf der Plattform eines Hyperscalers betrieben — je nach Angebot und Region kommen die großen internationalen Anbieter oder von SAP selbst betriebene Rechenzentren infrage. Für den Kunden ist relevant, dass diese Wahl Auswirkungen auf mehrere Dimensionen hat: den Datenstandort (in welcher Region und unter welcher Rechtsordnung liegen die Daten?), die verfügbaren Regionen und Zertifizierungen, mögliche Integrationsvorteile mit anderen Diensten desselben Anbieters sowie die Abhängigkeitsstruktur. Welche Hyperscaler in welcher Region wählbar sind und welche Konsequenzen das im Detail hat, ist beim Anbieter zu prüfen und kann sich ändern.
Gerade für Unternehmen mit hohen Anforderungen an Datenhoheit und EU-Ansässigkeit ist die Hyperscaler- und Regionsfrage kein Nebenschauplatz. Der Betriebsort der Daten, die Zugriffsmöglichkeiten und die anwendbaren rechtlichen Rahmenbedingungen sollten früh und vertraglich geklärt werden — nicht erst, wenn die Migration bereits läuft. Diese Aspekte greifen unmittelbar in das DSGVO- und Souveränitätsthema hinein, das Kapitel 09 vertieft.
Kaum ein Unternehmen betreibt sein ERP isoliert. Vorsysteme, Fachanwendungen, Webshops, Logistik- und CRM-Lösungen, Datenplattformen und Office-Umgebungen müssen mit dem neuen S/4HANA-Kern zusammenspielen. Die SAP Business Technology Platform (BTP) ist dabei der von SAP vorgesehene zentrale Ort für Integration und Erweiterung: Sie soll Schnittstellen, Automatisierungen und ergänzende Dienste beherbergen, ohne den ERP-Kern zu modifizieren (Clean Core). In der Praxis ist die Integration mit der Umsystemlandschaft regelmäßig einer der aufwendigeren und teureren Teile eines Projekts — Schnittstellen sind erfahrungsgemäß unterschätzte Kostentreiber.
Hier lohnt eine ehrliche Bestandsaufnahme vor dem Projekt: Welche Schnittstellen existieren, welche sind geschäftskritisch, welche lassen sich vereinfachen oder ablösen? Je klarer diese Landschaft vor Projektbeginn kartiert ist, desto realistischer werden Aufwand und Budget. Auch hier gilt, dass RISE die technische Plattform bereitstellt, die inhaltliche Integrationsarbeit aber ein Projekt bleibt, das meist über einen Implementierungspartner läuft.
Der grundlegende Unterschied liegt im Bezugs- und Betriebsmodell. Bei der klassischen Beschaffung kauft oder lizenziert ein Unternehmen S/4HANA (etwa On-Premise), beschafft Infrastruktur und Betrieb getrennt und verantwortet die Integration dieser Teile selbst — mit maximaler Kontrolle, aber auch maximaler Eigenverantwortung. RISE bündelt Software, Infrastruktur und Basisbetrieb in einem Subskriptionsvertrag mit SAP als zentralem Partner. Der Tausch lautet also: mehr Bequemlichkeit und weniger Schnittstellen gegen mehr Anbieterbindung und weniger direkte Kontrolle über einzelne Bausteine.
Für die Entscheidung heißt das: Unternehmen mit starker eigener IT-Tiefe, hohem Kontrollbedarf oder besonderen Anforderungen an den Betriebsort können Gründe haben, den entkoppelten Weg zu bevorzugen. Organisationen, die den technischen Unterbau lieber abgeben und die Zahl der Vertragspartner reduzieren wollen, finden im RISE-Bündel den bequemeren Rahmen. Keine der beiden Optionen ist per se besser — sie passen zu unterschiedlichen Profilen.
RISE und GROW sind Geschwisterprogramme mit unterschiedlicher Zielgruppe. RISE with SAP zielt auf Bestandskunden und die Transformation gewachsener, oft angepasster Systeme — im Kern meist die S/4HANA Cloud Private Edition, weil dort Anpassungen und Bestand mitgenommen werden können. GROW with SAP adressiert dagegen Neukunden und den Mid-Market mit der Public Edition und einem auf schnelle, standardnahe Einführung ausgelegten Paket. Vereinfacht: RISE ist der Weg für die, die schon SAP haben und transformieren; GROW ist der Weg für die, die neu und schlank einsteigen.
Wer diese drei Ebenen vermengt, verhandelt leicht am eigenen Bedarf vorbei. Ein Unternehmen, das eigentlich maximale Kontrolle über den Betriebsort braucht, sollte nicht reflexartig ins Bündel gehen, nur weil es angeboten wird; umgekehrt sollte ein Haus ohne SAP-Basis-Kompetenz nicht den entkoppelten Weg wählen, nur weil er theoretisch mehr Freiheit verspricht. Die Empfehlung lautet, zuerst die Zielarchitektur (welche Edition, welcher Betriebsort, welche Kontrolle?) zu klären und erst dann das passende Bezugsmodell auszuwählen — nicht umgekehrt.
Beim Brownfield-Ansatz (Systemkonvertierung) wird das bestehende ECC-System technisch nach S/4HANA überführt: Prozesse, Anpassungen und historische Daten bleiben weitgehend erhalten, die Architektur wird auf die neue Basis umgestellt. Der Reiz liegt in der Kontinuität und dem oft kürzeren Zeitrahmen; der Preis ist, dass Altlasten und technische Schulden mitwandern und das Clean-Core-Ziel gefährden können. Beim Greenfield-Ansatz wird ein neues System aufgesetzt und die Prozesse werden anhand von Standards neu modelliert; nur ausgewählte Daten werden übernommen. Das ergibt einen sauberen, standardnahen Start, verlangt aber deutlich mehr Prozess-Redesign und Change Management.
RISE ist mit beiden Ansätzen kombinierbar — das Bündel liefert Infrastruktur, Basisbetrieb und Werkzeuge, unabhängig davon, ob konvertiert oder neu aufgebaut wird. In der Praxis mischen reale Projekte die Ansätze häufig (selektive, hybride Vorgehensweisen), und die richtige Wahl folgt aus Prozessqualität, Anpassungstiefe, Datenmenge und Risikoappetit. Wichtig ist die begriffliche Trennung: Die Migrationsstrategie beantwortet, wie man von A nach B kommt; RISE beantwortet, wie dieser Weg kommerziell und betrieblich verpackt wird. Beide Fragen gehören getrennt und bewusst beantwortet.
Nach dem Go-live beginnt der Dauerbetrieb — und hier ist die Verantwortungsteilung das zentrale Thema. In RISE übernimmt SAP definierte Betriebsleistungen für die Infrastruktur und die technische Basis. Die Verantwortung für die fachliche Anwendung, die Prozesse, die Berechtigungen, die Weiterentwicklung und die Datenqualität bleibt jedoch beim Kunden (und seinem Partner). Diese Grenze — oft als geteiltes Verantwortungsmodell beschrieben — muss allen Beteiligten klar sein, damit im Betrieb keine Lücken entstehen, in denen sich niemand zuständig fühlt.
Viele mittelständische SAP-Kunden betreiben ein gewachsenes ECC und stehen vor derselben Migrationsfrage wie Konzerne — nur mit kleinerer IT-Mannschaft, engerem Budget und weniger tiefem SAP-Basis-Know-how. Für sie ist die Idee, Software, Infrastruktur und Basisbetrieb aus einer Hand und in einem Abonnement zu beziehen, nachvollziehbar attraktiv: Sie müssen keine eigene Cloud-Betriebsmannschaft aufbauen, reduzieren die Zahl der Vertragspartner und erhalten einen planbaren, laufenden Kostenrahmen statt hoher Anfangsinvestitionen. Gerade wo interne Ressourcen knapp sind, kann diese Entlastung real sein.
Zugleich gelten für den Mittelstand drei nüchterne Einschränkungen. Erstens: Das Bündel nimmt den fachlichen Kern der Transformation nicht ab. Prozessdesign, Datenbereinigung, Change Management und die Entscheidung, welche Eigenheiten aufgegeben werden, bleiben beim Unternehmen — und binden auch bei RISE erhebliche interne Kapazität. Zweitens: Die Anbieterbindung wiegt für Mittelständler oft schwerer, weil ihnen die Verhandlungsmacht großer Konzerne fehlt und ein späterer Ausstieg entsprechend aufwendig sein kann. Drittens: Die Frage, ob überhaupt die Private- oder eher eine schlankere, standardnahe Lösung passt, sollte offen geprüft werden — nicht jeder Mittelständler braucht die Tiefe, die RISE mitbringt.
Besonders relevant ist die kulturelle Frage der Standardisierung. Mittelständische Unternehmen verstehen ihre individuellen Prozesse häufig als Wettbewerbsvorteil und tun sich schwer, sie zugunsten des Standards aufzugeben. Doch jede beibehaltene Eigenheit erhöht Aufwand und Betriebskosten und gefährdet die Update-Fähigkeit. Ein wirtschaftliches RISE-Projekt im Mittelstand trennt daher konsequent zwischen den wenigen wirklich differenzierenden Prozessen und der Mehrheit, die ohne Schaden standardisiert werden kann.
Gerade im Mittelstand entscheidet die Qualität des Implementierungspartners oft stärker über den Projekterfolg als das Bezugsmodell. RISE liefert die technische Grundlage, aber die fachliche Umsetzung — Prozessdesign, Migration, Integration, Schulung — läuft in aller Regel über einen Partner. Hilfreich sind Partner mit nachweisbarer Erfahrung in der eigenen Branche und Unternehmensgröße, die die Realität knapper interner Ressourcen kennen und konsequent zum Standard raten, statt jeden Sonderwunsch zu erfüllen. Ein Partner, der individuelle Wünsche kritisch hinterfragt, schützt das Budget besser als einer, der alles verspricht.
RISE wird als Abonnement abgerechnet: Statt hoher Anfangsinvestitionen in Lizenzen und Infrastruktur fallen laufende, planbare Gebühren an, die Software, Cloud-Infrastruktur und Basisbetrieb umfassen. Das glättet die Kostenkurve und senkt die Einstiegshürde — verlagert die Ausgaben aber in dauerhafte, über die Vertragslaufzeit summierte Verpflichtungen. Über mehrere Jahre betrachtet kann sich das erheblich summieren, weshalb eine ehrliche Betrachtung immer die gesamte Laufzeit einbezieht und nicht nur die attraktiv wirkende Monats- oder Jahresrate.
Wichtig ist zudem, was das Abonnement nicht enthält. Die reine Subskription deckt Software, Infrastruktur und Basisbetrieb ab — aber die Transformation drumherum (Implementierungsberatung, Datenmigration und -bereinigung, Neubau von Eigenentwicklungen, Change Management, Schulung, interne Ressourcen und die Stabilisierungsphase) ist zusätzlicher Aufwand, der den größeren Teil der Gesamtkosten ausmachen kann. Wer nur die Abogebühr betrachtet und die Umsetzung „nebenbei“ einplant, unterschätzt das Projekt strukturell — dieselbe Erfahrung, die für S/4HANA-Einführungen generell gilt.
Weil RISE das System in einer Cloud betreibt, ist die Frage nach dem Datenstandort zentral. SAP bietet in der Regel den Betrieb in EU-Regionen an, und für datenschutzsensible Organisationen ist die Wahl einer EU-Region ein naheliegender Baustein. Entscheidend sind jedoch die konkreten vertraglichen und technischen Rahmenbedingungen: Wo genau liegen die Daten, wer hat Zugriff, welcher Hyperscaler betreibt die Infrastruktur, welche rechtliche Ordnung ist anwendbar, wie ist die Verschlüsselung geregelt und welche Zertifizierungen liegen vor. Cloud-Betrieb bedeutet nicht automatisch einen Verlust an Souveränität — aber Souveränität ergibt sich auch nicht von selbst, sondern aus der bewussten Gestaltung dieser Punkte.